Nein, ein zweites Dubai will Katar nicht werden. Das kleine Emirat, das 2022 die Fußball-WM ausrichtet, setzt voll auf MICE und Business Travel. BizTravel war mit 40 Lesern vor Ort.
Für Balram Silwai war es wie ein Ritt durch die Extreme. „Ich komme aus dem kältesten Staat der Welt“, sagt der Mann aus Nepal, lächelt und wischt sich den Schweiß von der Stirn: „Jetzt arbeite ich im gefühlt heißesten Land.“
Vor knapp vier Jahren tauschte Balram seine eisige Heimat am Himalaya gegen Wüste, Meer und Hitze. Er ist zufrieden. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt er und blickt dabei auf die Skyline aus Glas, Stahl und Aluminium, die sich hinter dem tiefblauen Meer und den traditionellen Holzschiffen (Dhaus) auftut. Für die Event-Agentur QIA führt er Besucher durchs Land – auch uns, die gut 40 Teilnehmer des ersten BizTravel-Workshops.
Extreme gehören seither zum Alltag von Balram Silwai. Denn Katar ist nicht nur einer der reichsten Staaten der Welt, er ist auch einer der sichersten. Seine Umrisse, eine schmale, ovale Halbinsel, ähneln denen von Schleswig-Holstein, und flächenmäßig ist das Land am Golf gerade mal halb so groß wie Hessen. Doch was es seinen Besuchern bietet, sind Superlative.
Noch gleichen zwar große Teile der Hauptstadt Doha einer riesigen Baustelle. Doch die Skyline ist ein Blickfang: Wolkenkratzer, die so faszinierend schief stehen, dass sie eigentlich gar nicht stehen dürften. Häuser in Form eines „D“, Einkaufszentren mit Eislaufbahn, schmuckvoll verzierte Fassaden selbst an den Parkhäusern und Wolkenkratzern, die in den ersten Stockwerken an alte orientalische Villen erinnern und dann in ein Meer aus Glas und Stahl übergehen. „Internationale Star-Architekten konnten sich austoben“, sagt Balram, „aber immer vor islamischem Hintergrund.“ Katar soll modern sein. Aber es soll dabei orientalisch bleiben.
Das Tempo, mit dem Katar in die Zukunft eilt, ist berauschend. „Es geht direkt von vorgestern nach übermorgen“, sagt die Deutsche Sibylle Young, die für die Agentur Gulf Adventures Incentive-Touren begleitet. Es ist gar nicht so lange her, da war alles noch Wüste.
Bis weit in die 50er-Jahre des 19. Jahrhunderts war Katar als „Piratenküste“ berüchtigt. Erst das Eingreifen der Briten, die ihre Handelswege nach Indien bedroht sahen, beendete die Seeräuberei. Bis 1971 stand Katar unter englischem Einfluss. Dann zog London seine Truppen zurück, und der arabische Staat erklärte sich zum selbstständigen Emirat. Der Wohlstand begann aber erst, als das sogenannte Nord-Feld entdeckt wurde: das größte Erdgasfeld der Welt.
Seit 1991 wird hier gefördert. Unvorstellbar: Katar verfügt über derartige Gasmengen, dass es den Weltbedarf der nächsten Jahrzehnte ganz allein decken könnte. Rechnet man die Erdölreserven von 3,7 Mrd. Barrel hinzu, wird klar, wie Katar zum Land mit einem der weltweit höchsten Pro-Kopf-Einkommen werden konnte. Und mit einer ausgezeichneten Fürsorge: Hilfsbedürftige erhalten feste monatliche Bezüge, die medizinische Versorgung ist gut und kostenlos. Ein Traum für uns Europäer sind die Benzinpreise: Ein Liter Super kostet 30 Cent.
Mineralwasser ist teurer. Obwohl Katar nicht auf Tourismus angewiesen wäre, will es Urlauber ins Land holen, vor allem solche, die an Kultur und Sport interessiert sind. Doch so ambitioniert, wie der Staat in die Moderne strebt, so bodenständig sind seine Pläne: Herzstück der Tourismus-Strategie ist das „48-Stunden- Konzept“, sagt Soha Moussa vom Fremdenverkehrsamt Qatar Tourism Authority QTA.