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15.04.2012, 22:25 Uhr

Alles ganz falsch

Wer global unterwegs ist, für den wird sie immer wichtiger: die "interkulturelle Kompetenz". Manchmal allerdings kann man auf sie auch verzichten.

Von Oliver Graue

Es ist nicht dasselbe, ob man etwas weiß oder ob man es selbst beherrscht. Eine Reiseleiterin erzählte mir vor einigen Jahren voller Erstaunen, dass die Gruppen, die ihr am orientierungslosesten erscheinen, meist aus Travel Managern, Reisebüro-Mitarbeitern oder Veranstaltungsplanern bestehen. Natürlich, die müssten es eigentlich besser wissen. Jedenfalls in der Theorie.

Die Praxis sieht anders aus. Wie häufig habe ich schon Texte über „interkulturelle Kompetenz“ geschrieben, also darüber, wie sehr sich die Denk- und vor allem Verhaltensweisen der Völker unterscheiden! Und wie häufig habe ich in Vorträgen, Moderationen oder Artikeln empfohlen, sich mit den Kulturen einzelner Länder auseinanderzusetzen, bevor man sich in die Nesseln setzt oder zur Lachnummer wird, nur weil man mit seinem „europäischen“ Verhalten in Asien gänzlich daneben liegt.

Kurz gesagt: Ich war stolz auf mich, als ich beim Essen in Korea in die eine Hand die Stäbchen und in die andere Hand die Reisschüssel nahm: Machen das die Japaner nicht auch so? Ich empfand es als Zeichen meines Wissens, dass ich laut schlürfte: Sollte man das nicht tun in Asien? Und schließlich wollte ich doch nur nett sein, als ich meinen Gastgebern das Schnapsglas entgegenhielt: Prost!

Die Röte stieg mir erst ins Gesicht, als ich in Deutschland – durch Zufall – in den Business-Knigge für Korea schaute. Satz 1: „Anders als die Japaner halten die Koreaner ihre Reisschüssel niemals in der Hand.“ Klasse! Satz 2: „Anders als in China ist Schlürfen beim Essen in Korea äußerst verpönt.“ Na, super! Und Satz 3: „Wer Alkohol trinkt, sollte dabei gerade älteren Personen immer den Rücken zukehren.“ Das totale Desaster also.

Zum Glück sind meine Gastgeber dennoch sehr freundlich geblieben. Da ich vermute, dass sie ihre eigenen Regeln kennen, hat das wohl eher etwas mit Gastfreundschaft und Verständnis gegenüber europäischen Besuchern zu tun.

Und genau so halte ich es auch. Beim Frühstücken in einem Frankfurter Hotel saß ich dieser Tage einer Gruppe von Japanern gegenüber, die in einer Schüssel fleißig und fragend Cornflakes mit Rührei und Erdbeer-Marmelade verrührten. Ein Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen und erntete prompt ein ebenso nettes „Hi, hi, hi“ meiner Tischnachbarn.

Mit anderen Worten: Wir haben uns blendend verstanden. Aller interkulturellen Kompetenz zum Trotz.

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