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Der Tag davor

30.05.2011, 09:00 Uhr

Wenn Hotels frisch eröffnen

von Sabine Pracht

Eine Hoteleröffnung ist für die Manager vor Ort ein Nervenkitzel: Wird alles rechtzeitig fertig, bis der erste Gast kommt? BizTravel war einen Tag vor Eröffnung im neuen Radisson Stockholm.

Foto: BizTravel

Das Feuer im künstlichen Kamin flackert. Lounge-Musik beschallt den Raum. Von der Bar hört man Geschirrklappern und das Schnaufen der Espressomaschine. Ganz normaler Alltag in einer Hotellobby. Doch der Eindruck täuscht: Das Stockholmer „Radisson Blu Waterfront“ und seine Mitarbeiter kennen keinen Alltag. Noch nicht. Sie bereiten sich erst darauf vor. Die Barkeeper testen Geräte, polieren Gläser räumen Schränke ein. Die Kollegen an der Rezeption stehen beieinander und üben, wie sie die neuen Terminals bedienen. Fensterputzer polieren die Scheiben auf Hochglanz.

Nach fünf Jahren Bauzeit wird das Stockholmer Vorzeigehotel von Rezidor am nächsten Tag endlich eröffnen. Und es werden gleich 450 Kongress- und 30 Übernachtungsgäste erwartet. Wie bei jeder Hoteleröffnung sind die letzten 24 Stunden mit viel Aufregung und der alles entscheidenden Frage verbunden: Schaffen wir das überhaupt alles bis morgen?

Ausbessern im Eiltempo

„Wir legen eine Punktlandung hin“, sagt Thomas Hagemann, bei Rezidor Chefkoordinator für Neueröffnungen, fest entschlossen, während auf der Zufahrt noch die Teermaschine fährt, damit am nächsten Tag dort Autos rollen können. Das Winterwetter hatte die Arbeiten lange Zeit behindert.

Auch im Haus werden verbliebene grobe und feine Arbeiten auf den letzten Drücker erledigt: Im Kongresszentrum schneiden Schreiner die Holzverkleidung für die Treppenabsätze zurecht. Elektriker verstecken heraushängende Kabel unter der Decke. In den Hotelzimmern füllen Mitarbeiter die Minibars und bestücken die Badezimmer mit Seife und Handtüchern. In der Küche packen die Mitarbeiter massenweise Gläser, Teller, Tabletts und Besteck aus und schieben all dies in die Spülmaschine, die wie eine Waschstraße funktioniert.

Flaggschiff mit riesigem Kongresszentrum

Hotel: Das Radisson Blu Waterfront liegt direkt am Wasser, mitten in Stockholm mit Blick auf das Rathaus. Hauptbahnhof und das benachbarte Radisson Royal Viking sind zu Fuß erreichbar. Das Waterfront-Haus verfügt über 414 Zimmer, eine Bar, ein Restaurant, einen Fitnessraum und ein riesiges Kongresszentrum.

Kongresszentrum: Fast rundum verglast ist die 14.000 Quadratmeter große Kongresshalle. 3000 Gäste haben dort Platz. Außer dem Amphitheater, das sich in drei separate Vortragssäle einteilen lässt, verfügt das Kongresshaus über kleinere Tagungsräume. Das Besondere: auf Wunsch blicken die Gäste aufs Wasser und auf die Stockholmer Innenstadt. Kunden, die das nicht wollen, können die acht Meter hohen Glaswände mit Jalousien abdecken.

Nachhaltig: Auch unter ökologischen Gesichtspunkten ist das Kongresszentrum auf dem neuesten Stand der Technik: Die Luft im Zwischenraum der doppelt verglasten Wände wird recycelt und je nach Außentemperatur zum Heizen oder Kühlen für andere Bereiche im Hotel genutzt.

Rezidor: Neben der Hauptmarke Radisson Blu gehören auch die Hotels Park Inn, Regent, Country Inn und Missoni zu Rezidor. Weltweit betreibt der Hotelkonzern mit US-Mehrheitseigner Carlson Hospitality Worldwide im Rücken und Sitz in Brüssel mehr als 310 Hotels, den Großteil davon in Europa. Wachsen will die Kette vor allem in Afrika und im Nahen Osten.

Heute Malmö, morgen Lagos

Was für die meisten Mitarbeiter eine aufregende Erfahrung ist, ist für Chefkoordinator Hagemann Alltag. Der 47-Jährige koordiniert mit seinem Team in der Brüsseler Rezidor-Zentrale alle Neueröffnungen und Übernahmen und hält während der gesamten Bau- und Planungsphase alle Fäden fürs Operative in der Hand. Vice President Future Openings heißt sein offizieller Titel. Vor einer Woche erst hat er ein Hotel in Malmö eröffnet. Ist das Stockholmer Haus offen, geht Hagemann nach Lagos in Nigeria, wenig später folgt eine Park-Inn-Eröffnung in Brüssel. Im vergangenen Jahr hatte der Rezidor-Manager 36 Häuser weltweit eröffnet.

Seit sechs Jahren jettet er für die Hotelkette um den Globus. Jetzt sitzt er inmitten des ganzen Gewusels ruhig bei einer Tasse Espresso im Sofa der Lobby und verbreitet keine Spur von Hektik. Dabei ist seine Agenda für den heutigen Tag prall gefüllt: Termine mit den Eigentümern und Anwälten, mit Technikern und IT-Spezialisten sowie mit Hotelmanagern und Mitarbeitern einzelner Abteilungen stehen an. „Bei jeder Hoteleröffnung läuft der letzte Handwerker erst aus dem Hinterausgang, wenn der erste Gast schon vorne reinkommt“, sagt Hagemann lächelnd. Und genau dafür hat er heute Sorge zu tragen: dass die restlichen, groben Reparaturarbeiten so schnell wie möglich erledigt werden und dass alles, was dennoch nicht fertig wird, im Übergabeprotokoll mit den Eigentümern genau festgehalten wird. Ebenso ist Hagemann dafür verantwortlich, dass alle technischen Anlagen, Sicherheitsvorschriften und damit verbundene Wartungsverträge überprüft werden. Und dafür, dass Rauchmelder und Feueralarm funktionieren, Fluchtwege eindeutig ausgeschildert sind und die beweglichen Bühnen und Wände im Kongresszentrum richtig einrasten.

Standards einhalten

„Jedes Detail zählt“, sagt Hagemann, blickt dabei wie auf Kommando in den Zuckertopf vor ihm und nimmt den Löffel in die Hand. „Hier gehört zum Beispiel kein Espressolöffel rein“, erklärt er und ist dabei schon beim nächsten Thema, den Radisson-Standards, die er ebenfalls im Blick haben muss. Während andere Hotelkonzerne immer stärker über Franchise wachsen, baut Rezidor den Anteil der selbst geführten Häuser deutlich aus. Mit Sorgfalt werden daher die Standards geprüft: Hängen in jedem Kleiderschrank die zehn Bügel? Hat jedes Zimmer ein Bitte-nicht-stören-Schild? Liegen Schuhanzieher und Waschlappen an der richtigen Stelle? Damit nichts vergessen wird, hängen vor den Zimmertüren Checklisten, die nach jeder Prüfung mit einem Haken versehen werden.

Sogar in den Minibars muss jede Cola-Dose immer an derselben Stelle stehen, da die Bar automatisch mit dem Abrechnungssystem verbunden ist. Schummeln kann der Gast im neuen Radisson also nicht mehr. Auch dass sämtliche Möbel und Duschköpfe vorhanden sind, hat Hagemann genau gezählt. Denn beim Einzug kann das ein oder andere Mobiliar durchaus Füße bekommen, weiß er. „Das ist ein absoluter GAU“, sagt er und lächelt dabei, als hätte auch er schon die unmöglichsten Dinge erlebt. Und damit ihm an seinem letzten Tag vor der Eröffnung kein grober Fehler passiert, verschwindet er schnell wieder ins nächste Meeting.

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