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Flug

28.09.2011, 09:00 Uhr

Alles über Business-Charter

von Oliver Graue

Autopremieren, Tagungen, Produktpräsentationen, Events, Incentives: Das gemietete Flugzeug ist manchmal besser als die Buchung von Linientickets. Und günstiger. Für wen sich Charter eignet.

Willkommen an Bord: Sitze mit Firmenlogo und individueller Service zählen zu den Leistungen der Charter-Vermittler.
Foto: Chapman Freeborn

Es gibt viele Gründe, ein Flugzeug zu chartern. Bei Merck war der Anlass ungewöhnlich: Weil die Airline, die auf der Strecke Frankfurt–Genf als Monopolist flog, nicht zu Preiszugeständnissen bereit war, mietete sich der Pharma-Riese kurzerhand selbst eine Maschine. Zweimal täglich ließ er die Dornier 328 mit 31 Plätzen zur neuen Schweizer Tochter pendeln. Das war nicht nur billiger als die Linientickets, sondern bot weitere Vorteile. Die Merck-Mitarbeiter mussten sich nicht jeden Tag in die lange Schlange vor der Passkontrolle einreihen und sparten so wertvolle Arbeitszeit. Innerhalb von fünf Minuten war alles erledigt, vom Check-in über die Pass- bis zur Sicherheitskontrolle.

Der Markt für Business-Charter wächst. Nachdem in der Krise die Zahlen um 14 Prozent zurückgegangen waren, verzeichnet die Branche nun ein kräftiges Plus. „In Deutschland gab es 2010 ein Wachstum von mehr als acht Prozent“, sagt Armin Truger, Chef des Anbieters Pro Sky. „Inzwischen bilden wir nach Frankreich und vor England den zweitgrößten europäischen Markt bei der Zahl der Abflüge.“ Markus Hilchenbach, Passagier-Charter-Chef von Chapman Freeborn, nennt als Gründe: „Termine werden immer kurzfristiger gelegt, und Zeitersparnis ist ein wesentlicher Faktor auf Geschäftsreisen.“

Kräftiges Plus nach der Krise

Mit Geldprasserei hat das meist nichts zu tun. „Business-Charter bedeutet nicht, statt in der First Class gleich in der eigenen Maschine Platz zu nehmen“, klärt die Luftsicherheitsorganisation Eurocontrol auf. „Die meisten Charter-Flüge führen zu Orten, die per Linie nicht erreichbar sind.“ Oder nur sehr umständlich. „Innerhalb Europas lässt sich eine Geschäftsreise oft an einem einzigen Tag erledigen“, fügt Hilchenbach hinzu. Und: „Für Gruppen ab 100 Personen ist es oft günstiger, ein ganzes Flugzeug zu chartern, als sich auf den Linienflug zu konzentrieren. Zumal bei diesen Gruppengrößen oft gar kein Platz für alle Gäste auf einem Flug ist.“

Business-Jet-Markt im Steilflug

Um sieben Prozent wird einer Roland-Berger-Studie zufolge der Markt für Business-Jets in diesem Jahr zulegen. In der Krise 2009 verzeichneten die Hersteller der kleinen Maschinen allerdings ein Umsatzminus von 23 Prozent. Bis 2020 soll sich der Markt sogar verdoppelt haben.

Einen Mega-Auftrag über 120 Geschäftsflieger im Wert von 6,7 Mrd. Dollar hat Netjets-Betreiber Warren Buffett gerade an Bombardier vergeben.

Im Business-Charter, also der Vermittlung der Maschinen an Firmenkunden, gab es 2009 einen Umsatzverlust von 14 Prozent. 2010 und im 1. Halbjahr 2011 wuchs die Branche um jeweils 5,5 Prozent.

Eine ausgedünnte Mitte verzeichnen die Anbieter: Gefragt sind vor allem Großraumflugzeuge und kleine Jets wie Citation Mustang oder Embraer Phenom.

Etwa dann, wenn Unternehmen viele Mitarbeiter zu Kongressen oder Events bringen. Oder wenn Hunderte Kunden zur Produktpräsentation ins Ausland eingeladen sind. Oder wenn Hin- und Rückflug am selben Tag stattfinden sollen.
Dabei ist Charter nicht gleich Charter. In der Öffentlichkeit am bekanntesten sind die Privat-Jets, in denen oft Top-Manager unterwegs sind. Diese kleinen Maschinen erobern zwar Marktanteile, Hauptgeschäft der Charter-Vermittler sind aber die Großraum-Jets. Dazu arbeiten Anbieter wie Air Partner, Pro Sky, Pro Air oder Chapman Freeborn mit etlichen Fluggesellschaften zusammen. „Durch unsere weltweit vernetzte Datenbank haben wir Zugriff auf 250 renommierte Linien- und Bedarfsfluggesellschaften“, erläutert etwa Birte Püschel-Kipke, Europa-Chefin von Air Partner: „Und wir wissen, wo gerade ein freies Flugzeug steht.“ Nicht zu verwechseln sind die Vermittler mit Flottenbetreibern wie Netjets. Diese verfügen über Hunderte eigener kleiner Jets, an denen Firmen oder Privatpersonen Anteile erwerben und entsprechend deren Höhe die Maschinen nutzen können.

Alles im Firmen-Design

Zudem vermieten manche Airlines ihre Maschinen direkt. Doch, so Pro-Sky-Chef Truger, „wer die volle Transparenz wünscht, sollte nicht den Jet-Betreiber um die Ecke fragen, sondern das Vergleichsangebot eines Vermittlers einholen“. Das Modell ähnelt dem der Reisebüros: Beraten wird neutral, ermittelt wird der jeweils beste Preis – sowohl für Mini-Jets als auch für Großraumflugzeuge.

Diese werden von Unternehmen gebucht, wenn ein Event oder Incentive ansteht. Am Tag des Fußball-WM-Finales 2006 in Berlin etwa flog Air Partner Tausende von Passagieren aus aller Welt nach Deutschland. Darüber hinaus zählen Firmen wie VW und L’Oréal zu ihren Kunden, und für einen IT-Konzern flog der Anbieter 1700 Mitarbeiter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einer eintägigen Konferenz nach Berlin ein – und am nächsten Morgen wieder zurück.

Europa an einem Tag

Pro Sky brachte für Daimler 4500 Händler zur Präsentation eines neuen Lkw. „Auf 60 Strecken hatten wir Charter-Flugzeuge im Einsatz, und für Gruppen, für die dies nicht ökonomisch war, organisierten wir Kontingente auf 20 Linienflügen“, erklärt Truger. „Das Ganze sollte günstig und ein Markenerlebnis sein.“ Check-in-Schalter, Flugsteig und Flugzeuge waren mit dem Firmenlogo versehen. Branding, wie sich diese Vorgehensweise nennt, haben alle Vermittler im Angebot.

„Zu unserem täglichen Geschäft gehört es, zum Beispiel 200 Kunden für eine Incentive-Reise rund um den Globus zu fliegen oder den Manager kurzfristig zum Kongress nach Sevilla, mittags nach Brüssel und abends wieder zurück zu seiner Familie zu bringen“, nennt Chapman-Freeborn-Manager Hilchenbach weitere Beispiele. Vorteil von Charter-Jets, so Hilchenbach, „ist die genaue Verzahnung der Flüge mit den Abläufen eines Events. Das ermöglicht Flexibilität“. Und: Bis kurz vor Abflug lassen sich Namens- und Gepäckänderungen vornehmen – etwa, wenn sich der plötzlich erkrankte Teilnehmer durch einen Kollegen vertreten lässt.

Aber auch, wenn nur wenige Top-Manager zu einem Meeting fliegen, kann der gecharterte Privat-Jet schneller und zugleich günstiger als der Linienflug in der Business Class sein – jedenfalls, wenn die teure Arbeitszeit der Manager mitgerechnet wird. „Firmen verprassen kein Geld, denn sie sparen viel Zeit, wenn sie ihre Manager in den PrivatJet setzen“, betont Birte Püschel-Kipke von Air Partner. Die CharterAnbieter prüfen Sicherheit, Zuverlässigkeit und Zulässigkeit der JetBetreiber für den jeweiligen Flug. Datenbanken geben Auskunft über Unfälle, Pünktlichkeit, Service und das finanzielle Rückgrat der Airlines. „Und wir klären, ob die Gesellschaft in dem betreffenden Land landen darf“, sagt PüschelKipke. Und sollte es doch einmal Probleme geben, stellen die Vermittler Ersatzflugzeuge bereit.

Wer-ist-wer im Business-Jet-Markt (Auswahl)

Charter ist eine Alternative zur Linie – Serviced Apartments sind eine Alternative zum Hotel.

Air Partner mit Sitz in London feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Seit 14 Jahren hat das Unternehmen in Bergisch Gladbach bei Köln eine deutsche Niederlassung. Air Partner gilt als einer der weltweit größten Flugzeug-Charterer und vermittelt Großraumjets ebenso wie kleinere Privatjets. Zu den Hauptpartnern in Deutschland gehört Air Berlin. www.airpartner.de
Chapman Freeborn: Der vor 35 Jahren gegründete Charter-Spezialist – wie Air Partner weltweit führend – ist an 32 Standorten vertreten. Die Deutschland-Zentrale ist in Köln. Über die neue App „Private Jet“ können direkt vom Smartphone Charter-Anfragen gestellt werden. Zudem vergleicht Chapman seine Preise mit solchen von Jet-Card-Programmen (Jet Card Comparison) www.chapman-freeborn.com
Pro Sky: Der in Köln ansässige Charterer, gegründet 1996, vermittelt mehr als 1000 Gruppenflüge pro Jahr. Er bietet Großraumflugzeuge ebenso wie Business-Jets. Pro Sky unterstützt Travel Manager auch bei internen Prozessen, zudem organisiert er Linienflugtickets für Gruppen zu Sonderkonditionen. Im Internet bietet Pro Sky einen Kostenrechner für Business-Jets. www.pro-sky.de
Pro Air mit Sitz am Stuttgarter Flughafen wurde vor 15 Jahren gegründet. Jedes Jahr führt der Anbieter gut 800 Charter-Flüge durch, auch mit seiner eigenen Jet-Flotte. www.proair.de
Lufthansa Private Jet – unter dieser Bezeichnung vermittelt Lufthansa Business-Jets. Partner ist Netjets; geboten wird Rundum-Service durch das LH-Event-Management. www.lufthansa-private-jet.com
Cirrus, DC Aviation, Nordavia, Welcome Air – diese und viele andere Anbieter verfügen über eigene Flotten mit zum Teil großen Maschinen, die sie verchartern. Viele Jet-Anbieter sind in der GBAA zusammengeschlossen. www.gbaa.de

Fragen an: Markus Hilchenbach, Chapman Freeborn

Welche Vorteile bietet ein Charterflug gegenüber einem Linienflug?
Vor allem die enorme Zeiteffizienz und das hohe Maß an Flexibilität. Sie sind unabhängig von Flugzeiten, erreichen mehr Ziele und können eine Geschäftsreise innerhalb Europas oft an einem Tag erledigen. Das ist häufig kosteneffizienter.

Worauf legen Unternehmen bei Charter-Aufträgen besonderen Wert?
Wichtig ist die genaue Verzahnung der Flüge mit den Abläufen eines Events. Das Event beginnt bereits am Abflughafen: mit eigenen Check-in-Bereichen, Gate-Büfetts und gebrandeten Jets. Und bis kurz vor Abflug lassen sich Namens- und Gepäckänderungen vornehmen.

Woher bekommen Sie Ihre Flugzeuge?
Sehr oft von Charterfluggesellschaften. Sie sind daran interessiert, ihre Kapazitäten auszulasten, und arbeiten mit Reiseveranstaltern daher ebenso gern zusammen wie mit uns Vermittlern. Übrigens vermitteln wir auch Charter-Airlines freie Flugkapazitäten, wenn diese selbst mal Engpässe haben.

 
 
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