Flugstreichungen

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Piloten haben Ryanair satt

Der irische Billigflieger findet kein Personal mehr – und muss 2100 Flüge streichen. Die Crews haben genug vom aggressiven Umgang und den extrem schlechten Konditionen bei der Airline.

von Oliver Graue, 18.09.2017, 18:09 Uhr

Urlauber, die plötzlich ohne Heim- oder Urlaubsflug dastehen – und per Twitter empört reagieren. Grund: Ryanair hat den Passagieren mit extrem kurzer Vorlaufzeit mitgeteilt, dass ihre gebuchten Flüge nicht stattfinden.

Nun kann man die Frage stellen, wer dämlicher ist: die erbosten Touristen oder der irische Billigflieger, der mal eben 2100 Verbindungen streicht. Eigentlich sollten die Praktiken dieser Airline inzwischen so bekannt sein, dass sich niemand mehr über sie wundern dürfte. Den Reisenden kann man daher nur zurufen: Pech gehabt! Vielleicht ist es ihnen eine Lehre, beim nächsten Mal doch wieder eine seriöse Fluggesellschaft zu wählen.

Interessant ist hingegen, was hinter den plötzlichen und massiven Streichungen steckt. Sicher hat es nichts mit einem möglichen Air-Berlin-Grounding zu tun, was manche Experten in den Schritt hinein interpretieren. Wäre das wirklich der Grund, hätten die Iren damit auch noch ein paar Tage oder Wochen warten können – bis Air Berlin wirklich in eine solch kritische Lage kommen würde. Aber selbst das ist derzeit höchst unwahrscheinlich; vor allem Lufthansa ist auf die Übernahme längst hinreichend vorbereitet.

Ryanair steckt in Personalproblemen

Richtiger dürfte sein, was der „Irish Independent“ berichtet. Die Tageszeitung hält nicht allein den vom Billigheimer genannten angestauten Urlaubsüberhang der Piloten für die Ursache der derzeitigen Personalknappheit. Laut der irischen Zeitung hat Ryanair insgesamt Probleme, Personal zu finden und musste bereits in diesem Jahr 140 Piloten an den erfolgreichen Konkurrenten Norwegian Air abgeben.

Wutausbrüche von Ryanair-Chef O’Leary vor einigen Tagen gegenüber Norwegian, versehen mit heftigen Beschimpfungen des Konkurrenten aus dem Norden, deuten auf die Richtigkeit dieser Vermutung hin.

Piloten suchen das Weite

Auch die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit gab nun bekannt, dass Ryanair-Piloten derzeit massenhaft das Weite suchten und bei anderen Gesellschaften anheuern wollten. Angesichts der extrem schlechten Arbeitsbedingungen und der miesen Bezahlung bei dem irischen Billigflieger wäre das zu verstehen. Immer wieder gerät Ryanair ins Visier der Justiz, da sie fragwürdige Methoden der Leiharbeit anwendet; und immer wieder steht dabei der Verdacht des Sozialbetrugs im Raum. Gerade erst urteilte der Europäische Gerichtshof gegen die Iren.

Wundern dürfte das am Ende jedoch niemanden: Wer seine Mitarbeiter anständig bezahlt, der kann keine Flüge für 9,99 Euro anbieten und dabei auch noch Gewinn machen. Und Reisende, die dennoch bei einer solchen Airline buchen, dürfen sich nicht beschweren, wenn sie irgendwo stehen gelassen werden.

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