Wem gehört die Armlehne? Und wo bleibt mein Getränk? Manierliches Verhalten im Flieger ist keine Selbstverständlichkeit. Dabei könnte Harmonie so einfach sein.
Abgehetzt betritt Ralf Achtermann, Manager eines Baubetriebs, die Abfertigungshalle im Düsseldorfer Airport. Dort lassen fröhlich singende Menschen auf ihren T-Shirts wissen, dass sie mit dem „Kegelclub Alle Neune“ auf Vereinsausflug sind. Aber auch Familien mit Kleinkindern stehen an. Achtermann schwant Übles: Seine Sekretärin hatte für ihn einen günstigen Flug zu wichtigen Gesprächen in London ergattert, doch der wird auch von Gelegenheitsfliegern jeder Coleur genutzt.
Kalt lächelnd überholt Achtermann die Flugneulinge. Mit etwas Ellenbogeneinsatz gehört er zu den ersten im Flieger und lässt sich nun viel Zeit, sein Gepäck im Staufach unterzubringen. Auch das neben ihm platzierte Paar mit Kind, das beim Start freudig aus dem Fenster schaut, lässt ihn kalt. Er zieht die Sonnenjalousie des kleinen Bullauges herunter.
Gute Manieren an Bord sind nicht selbstverständlich. Mitarbeiter der US-Fluggesellschaft Delta Air Lines lauschten dem Ärger ihrer Fluggäste über Mitreisende. Es entstand die Idee zu „Planeguage“, einer Reihe bunter Comicfilme, die typisches Fehlverhalten von Passagieren auf witzige Art zeigen und zu guten Manieren animieren sollen. Die 25 Clips werden auf den Flügen und im Internet gezeigt. Wie aber verhält man sich als Fluggast, damit das Klima an Bord harmonisch bleibt? „Alles gar nicht so schwer“, beruhigt Andrea Sydow, Redakteurin des Internet-Benimm-Portals Knigge.de. Würden Menschen öfter von ihrer „wundervollen Gabe der Kommunikation“ Gebrauch machen, entstünden viele Konflikte gar nicht erst, sagt die Kulturmanagerin aus Berlin.
Das beginnt schon am Boden. „Es werden nicht mehr Bordkarten ausgegeben, als Plätze vorhanden sind, Drängeln und Überholen ist nicht nur unangebracht, sondern auch überflüssig“, sagt Sydow, die selbst lange bei einer Fluggesellschaft arbeitete. An Bord stellt sich die Frage des Umgangs mit dem Sitznachbarn: Schweigen oder Smalltalk? „Eine kurze, freundliche Begrüßung schadet nie“, rät die Expertin. „Das schafft die Voraussetzung für ein harmonisches Miteinander in den nächsten Stunden“. Dass man einen Lesenden nicht unaufgefordert mit seiner Lebensgeschichte behelligt, ist klar.
Zur echten Qual, die fast jeder schon erlebt hat, wird der Kampf um die Armlehnen. Mit Selbstverständlichkeit nimmt der Mann in der Sitzreihenmitte beide Lehnen für sich in Anspruch, schließlich ist er zwischen den Mitreisenden „eingeklemmt“. Frech oder angemessen? „Für die Armlehnen gibt es keine feste Regel“, erklärt Sydow. „Es kommt immer darauf an, wie ich den Platz einnehme. Selbstverständlichkeit schafft keine Harmonie.“ Besser: kurzen Blickkontakt aufnehmen und sich wohlwollend verhalten. Dann wird man sich meist einig.
Viele Fluggäste empfinden es als nette Geste, wenn ihnen der Nachbar die ausgelesene Tageszeitung anbietet. Umso erstaunter ist man, wenn das Angebot pikiert zurückgewiesen wird. „Jede Geste kann missverstanden werden, auch eine Höflichkeit“, sagt Andrea Sydow. Dabei zeugt auch der souveräne Umgang mit Ablehnung von guten Manieren. Seinerseits pikiert zu reagieren führt zur Eskalation, was gerade über den Wolken „sicher keine gute Idee ist“. Auch dem Bordpersonal gilt es, respektvoll zu begegnen. Kommt der ersehnte Moment der Getränkeverteilung, zeugt es von gutem Verhalten abzuwarten, bis man gefragt wird. Wer am Fenster sitzt, darf seine Hand zum Getränk ausstrecken. Dies ist keine Gier, sondern Hilfe.
Bekannt: das Sitzlehnen-Domino. Ein Reisender lastet seine Lehne bis zur äußersten Neigungsgrenze aus, woraufhin seine Hintermänner rasch ihren Kaffee retten müssen. „Aufzustehen und den hinter mir Sitzenden um Erlaubnis zu bitten ist übertrieben“, meint Sydow hierzu: „Die Funktionen des Sitzes dürfen genutzt werden.“ Aber: „Ein kurzer Blick, ob hinter mir ein großer Mensch sitzt, der seine Beine kaum unterbringt, ist sinnvoll.“ Was aber tun, wenn man neben einem sehr ausladenden Menschen platziert wird, der den Großteil des Nachbarsitzes ebenfalls braucht? Sydow: „Souverän bleiben – der Mensch kann an seiner Körperfülle im Moment nichts ändern. Im Extremfall die Stewardess nach einem anderen Platz fragen.“
Nach der sicheren Landung bricht Applaus aus. Als Reaktion verdrehen Business-Reisende die Augen. „Was will man damit bezwecken? Zeigen, dass man cooler ist als andere?“, fragt Sydow. „Eine sanfte Landung ist schon eine respektable Leistung“, gibt die Knigge.de-Autorin zu bedenken. Also: auch als Vielflieger die Situation souverän hinnehmen und klatschen lassen, wer klatschen will. „Im Flieger teilen alle dieselbe Situation, man verbringt eine bestimmte Zeit zusammen, und keiner kann weg“, erklärt die Expertin für zeitgemäße Manieren.
Aus ihrer Erfahrung als Mitarbeiterin einer Airline ist sich Andrea Sydow in einem Punkt absolut sicher: „Fehlverhalten an Bord überspielt in den allermeisten Fällen ganz einfach Angst und Unsicherheit.“ Gerade als erfahrener Fluggast gilt es hier einfach nur, souverän und freundlich zu bleiben, denn „jede Situation geht irgendwann vorbei“. Ein harmonisches Miteinander für einige Stunden ist mit ein wenig Kommunikation eben „gar nicht so schwer“.