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Intermodalität

22.02.2010, 10:28 Uhr

Zug zum Flug zum Zug

von Oliver Graue

Die nahtlose Reise von Tür zu Tür: Für Geschäftsreisende ist das ein Traum. Einer, der sich an immer mehr Flughäfen erfüllt, weil die Airports an das ICE-Netz der Bahn angeschlossen werden.

Düsseldorf: mit dem ICE zum Airport-Bahnhof, dann weiter mit dem Sky Train (2,5 Kilometer) ins Terminal.
Foto: PR

Inge Pirner hat klare Vorstellungen davon, was Reisebüros in Zukunft leisten müssen. „Ich wünsche mir, dass sie unsere Mitarbeiter während ihrer gesamten Dienstreise begleiten“, sagt die beim Nürnberger Software- Konzern Datev tätige Einkäuferin, „und zwar von Tür zu Tür.“ Natürlich nicht real, sondern im übertragenen Sinn. Wer geschäftlich unterwegs ist, soll seine Zeit nicht mit der umständlichen Suche nach den passenden Verkehrsmitteln verschwenden, verlangt Inge Pirner. Die Partneragentur soll stattdessen den perfekten Reiseplan schmieden: wie also der Mitarbeiter mit Bus, Mietwagen oder Taxi von seinem Büro zum Bahnhof kommt, wie er mit dem Zug den Flughafen ansteuert, und wie er dann per Jet und schließlich wieder mit Bahn oder Bus zum Zielort gelangt. „Denken Sie bei der Beratung immer in der gesamten Reiseprozesskette für den Kunden“, rät Susanne Schick, Marketing-Chefin des Frankfurter Flughafens, den Agenturen: „Denn damit stärken Sie die Kundenbindung.“

Luft und Land gut verknüpft

„Reiseprozesskette“ – das klingt gut. Dafür allerdings müssen die Voraussetzungen stimmen. Und die lassen sich mit einem Begriff umschreiben, der noch den wenigsten geläufig ist – und der doch Zukunft hat: Intermodalität. „Intermodal bedeutet, dass Luftverkehr, Schiene und Straße bestens miteinander vernetzt sind“, erklärt Manfred Kuhne von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV): „Denn Airports können nur erfolgreich sein, wenn sie ans Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn und an leistungsfähige Fernstraßen angeschlossen sind.“

Fakt ist: Es nervt viele Geschäftsreisende, wenn sie umständlich, lange und möglicherweise eng wie in einer Sardinenbüchse ausschließlich per S-Bahn den Flughafen erreichen. Wenn auf der Zubringerautobahn mal wieder Stau ist. Oder wenn der Weg zum Airport so verwirrend ausgeschildert ist, dass man die richtige Abzweigung leicht verpasst und erst nach vielen Kilometern wenden kann, um einen erneuten Anlauf zu nehmen.

„Insgesamt ist die Verkehrsinfrastruktur in Deutschland sehr gut“, lobt Gerhard Bleile, Präsident des Verbands Deutscher Veranstaltungsorganisatoren. Und gerade erst hat Deutschland den ersten Platz von 102 Staaten im renommierten „Country Brand Index“ der internationalen Tagungsbranche belegt, was Erreichbarkeit und Infrastruktur angeht. Doch das heißt noch lange nicht, dass alles perfekt wäre. Beispiel Hamburg: Jahrzehntelang hatten die Politiker der zweitgrößten deutschen Stadt um eine S-Bahn zum Flughafen gestritten. Im Dezember vorigen Jahres endlich kam sie – und wurde gleich zum Hit. Fast 15.000 Menschen nutzen Tag für Tag die 25 Minuten dauernde Verbindung vom Hauptbahnhof. Ein ICE-Bahnhof wäre zwar besser, doch immerhin hat Hamburg sowohl Berlin (Tegel) als auch München links liegen gelassen.

Frankfurt ist Musterschüler

So gelangt zum 40 Kilometer nördlich der bayerischen Landeshauptstadt gelegenen Airport nur, wer mit den Zügen der S1 oder S8 anreist. Beides dauert gut 45 Minuten, und die Fahrpreisregelung ist alles andere als einfach. Abhilfe verspricht eine sogenannte Express-S-Bahn, die voraussichtlich ab 2017 in nur noch 23 Minuten zum Flughafen fahren soll.

Stichworte

Intermodale Services: Von Airail bis Rail & Fly

Airail: Projekt von Deutscher Bahn, Lufthansa und Fraport. Check-in bereits an den Hauptbahnhöfen Köln, Stuttgart und Siegburg/Bonn, Gepäckaufgabe im Airail- Center in Frankfurt (Terminal 1).

Codeshare: Mit einigen Fluggesellschaften, etwa American Airlines, ANA und China Airlines, besteht ein Codeshare. Das heißt, die Zugfahrt zum Interkontinental-Abflughafen lässt sich automatisch hinzubuchen.

Rail & Fly: Bahnfahrscheine zu Festpreisen, die sich in Kombination mit einem Flugticket buchen lassen und ab jedem deutschen Bahnhof zum Abflug-Airport gelten. Ca. 85 Airlines nehmen teil.

Eine Übersicht zu den Flughafenangeboten können Sie sich hier als PDF downloaden.

Beispiel Berlin: Den stadtnahen Flughafen Tegel erreichen Geschäftsreisende zwar vergleichsweise schnell und preisgünstig (2,10 Euro) mit dem Linienbus TXL ab Hauptbahnhof – schnell allerdings nur, wenn auf den Straßen kein Stau herrscht. Berlin-Schönefeld hingegen ist zumindest ans Regionalzug-Netz angeschlossen. Damit und mit den 400Metern Fußweg, die bislang bewältigt werden müssen, ist jedoch 2011 Schluss. Im positiven Sinne: Der neue BBI-Airport „Willy Brandt“ dann wird direkt per ICE zu erreichen sein – oder über die Autobahn A113.

Beispiel Frankfurt: Fast 170 Fernzüge täglich, die meisten davon ICE, 230 Regionalzüge, dazu eine S-Bahn im 15-Minuten-Takt und all dies direkt im Terminal 1 – mit diesen Zahlen geht Marketing-Managerin Susanne Schick gern hausieren. Zu Recht, denn Frankfurt ist Musterbeispiel in Sachen Intermodalität. „Auch Autofahrer wissen die zentrale Lage zu schätzen“, sagt sie: „Schließlich liegen wir direkt am Frankfurter Kreuz, Europas bedeutendstem Verkehrsknoten.“ Und beim Parken gilt: Wer früh und online bucht, spart bis zu 53 Prozent der Gebühren. Die, zugegeben, ansonsten nicht gerade niedrig sind. Vielreisenden Firmen ist das Angebot „Corporate Parking“ zu empfehlen. Ab 198 Euro pro Monat gibt’s einen garantierten Dauerstellplatz.

Per Hochgeschwindigkeitszug zum Flug – das bieten außer Frankfurt derzeit nur Düsseldorf, Köln und Leipzig. Seit in Düsseldorf die Kabinenbahn „Sky Train“ ihre Kinderkrankheiten überwunden zu haben scheint, sind die Wege zwischen ICE-Bahnhof und Check-in kurz und bequem. Köln wird zumindest von einem guten Dutzend Nonstop-ICE der Frankfurt-Strecke täglich angefahren, ansonsten sollte man besser auf die S-Bahn (15Minuten zum Hauptbahnhof) ausweichen. Stuttgart schließlich lässt sich gut mit den Bahnen S2 und S3 erreichen: Die Fahrt von Terminal 1 zum Hauptbahnhof dauert keine halbe Stunde. Damit ist sie dem Auto vorzuziehen – vor allem in staureichen Berufsverkehrszeiten.

Kleine Airports gut angebunden

Die Kleinen hinken in puncto Intermodalität keineswegs nach. In Leipzig etwa halten IC nach Magdeburg und Halle, 2016 folgen ICE. In Nürnberg – wichtiger Air-Berlin-Airport – ist die nur 20 Meter vom Terminal entfernte U-Bahn das Verkehrsmittel der Wahl. Ins Zentrum benötigt sie 12 Minuten. Hannover und Dresden wiederum lassen sich gut per S-Bahn erreichen. Geschäftsreisende aus Köln, Stuttgart und Siegburg/Bonn, die ab Frankfurt starten, nutzen gern den Airail: Bereits an den Bahnhöfen können sie einchecken, das Gepäck allerdings lässt sich – anders als früher – erst in Frankfurt abgeben. Dort steht direkt im Airail-Center ein sogenannter Baggage-drop-Schalter bereit. Vorteil, so Susanne Schick: „Die Check-in-Zeit für die Passagiere hat sich deutlich auf 15 Minuten vor Abfahrt verkürzt, weil kein Gepäck mehr umständlich verladen werden muss.“

Wenn das Navi nicht weiterweiß

Für Langstrecken-Passagiere soll das Airail-Angebot ab Köln in Zukunft sogar kostenlos sein. Und wer aus anderen Städten kommt oder zu einem anderen Flughafen möchte, für den halten die Bahn und gut 100 Fluggesellschaften ein weiteres Angebot bereit: Es garantiert den Zug zum Flug zum Festpreis – unter dem Namen Rail & Fly. Für viele Travel Manager ist der Zug zum Flug längst das Angebot der Wahl. Das Auto sehen sie nur dann als Vorteil an, wenn die Bahnverbindung schlecht oder die Abflugzeiten sehr früh oder sehr spät liegen. Erspart der Zug doch umständliche Anfahrten, hohe Parkgebühren und Ärger für Unerfahrene: Die Eingabe „Flughafen“ als Zielort kennen viele Navi-Systeme schlichtweg nicht.

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