1 Kommentar

Kasachstan

05.08.2010, 14:00 Uhr

Großes, unbekanntes Land

von Oliver Graue

Der Film „Borat“ veralbert Kasachstan vor einigen Jahren als rückständig. Die Realität sieht anders aus. Reise in ein großes, unbekanntes Land.

Symbol für das „Neue Kasachstan“: der Lebensbaum in Astana.
Foto: iStockphoto

Das Plakat am sechsspurigen Abai-Boulevard verheißt Gutes. Das Bildnis eines himmelblau skizzierten Landes ist von goldenen Ähren und Sonnenstrahlen durchzogen, darüber steht in großen Lettern: „Kasachstan 2030“. Das genügt, denn jeder Bürger des weltweit größten Binnenstaats kennt die Vision von Präsident Nursultan Nasarbajew: In 22 Jahren soll Kasachstan zu den modernsten Nationen gehören. Mit gebildeten, kerngesunden und traditionsbewussten Menschen.

Unrealistisch ist das nicht. Der zentralasiatische Staat verfügt über immense Erdölvorkommen, zieht wie kaum ein anderer Teil der ehemaligen Sowjetunion westliche Unternehmen an, und er hat sich in den vergangenen Jahren beinahe grunderneuert. Wer durch die Millionenmetropole Almaty spaziert, die zu Sowjetzeiten Alma-Ata hieß, der staunt: Mit dem, was man aus dem Klamaukfilm „Borat“ kennt, hat das alles nichts zu tun. Überall entstehen gläserne Bauten, junge Leute laufen in Turnschuhen und mit MP3-Playern herum, und der Straßenverkehr steht dem von Frankfurt in nichts nach.

Der Lebensbaum als Symbol

Außer, dass es wesentlich chaotischer zugeht. Jeder fährt so, wie er im permanenten Stop and Go am besten voranzukommen meint, und alle paar Sekunden ertönen vielstimmige Hupkonzerte. Weil's gekracht hat, oder weil einer der Trolley-Busse stehen bleibt, der Fahrer aussteigt und den aus der Oberleitung gesprungenen Stromabnehmer wieder einzufädeln versucht.

Almaty zählt etwa 1,5 Mill. Einwohner, fast jeder zehnte Bürger des Landes lebt hier. Die Metropole ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Kasachstans, bis vor zehn Jahren war sie auch dessen Hauptstadt gewesen. Das hat sich mit Nasarbajews Agenda 2030 geändert. Der Präsident, der sich auf Lebenszeit ernannt hat, baut 1000 Kilometer nördlich eine neue Kapitale. Die einstige Provinzstadt Akmola (Weißes Grab) hat er in Astana (Hauptstadt) umbenannt und engagiert hierfür Stararchitekten wie Norman Foster und Frank Gehry.

Kasachstan in Kürze

Dünn besiedelt Kasachstan liegt in Zentralasien und grenzt an Russland, China, Usbekistan, Turkmenistan, Kirgistan und Tadschikistan. Im flächenmäßig neuntgrößten Staat der Welt leben nur etwa 15 Mill. Einwohner.

Pro-Russisch Am 16. Dezember 1991 erklärte das Land seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Das Verhältnis zu Russland ist jedoch nach wie vor eng und freundschaftlich.

Weg zur Demokratie Kasachstan ist auf dem Weg zur Demokratie, Präsident Nasarbajew regiert autoritär, aber nicht diktatorisch. Im Land leben noch 220.000 Deutsche, die sich zur Gemeinschaft Wiedergeburt vereinigt haben.

Gleich am Anfang von Astanas Prachtboulevard empfängt ein Symbol des neuen Kasachstan die Besucher: der Lebensbaum. Ein 97 Meter hoher Turm, an dessen Spitze von vielen stählernen Ästen eine Goldkugel gehalten wird. Auch das ist Metapher. Der Lebensbaum symbolisiert die Völkervielfalt des Landes, das an China ebenso stößt wie ans Kaspische Meer, und das zu Russland eine 7000 Kilometer lange Grenze unterhält – die längste der Welt.

Die grüne Stadt Almaty

Almaty bietet einige Sehenswürdigkeiten wie den Platz der Republik mit seiner Unabhängigkeitssäule, das Kriegerdenkmal der Roten Armee, das auf 3000 Metern gelegene Eisstadion Medeu oder das liebevoll eingerichtete Museum folkloristischer Instrumente. Doch die größte Attraktion der Stadt ist die bunte Vielfalt der Menschen.

Kasachinnen mit ihren hübschen, dezent asiatisch gezeichneten Gesichtern, Usbeken, Uiguren, Krimtataren, Mongolen, Tschetschenen, hierhin deportierte Koreaner und sehr viele Europäer – Russen, Deutsche und Ukrainer. Jeder dritte Einwohner Kasachstans ist Russe. Das von den Sowjets jahrelang unterdrückte Kasachisch ist zwar wieder offizielle Staatssprache, untereinander verständigen sich die Ethnien jedoch überwiegend auf Russisch.

 
 
1 spacer 2

Teilen Sie diesen Artikel (Hilfe): Social Bookmarks

© 2012 Verlag Dieter Niedecken GmbH, Alle Rechte vorbehalten