Als „zweites Rom“ bezeichnet sich Kiew. Die Hauptstadt der Ukraine ist mindestens so prunkvoll, lebhaft und spannend. Dank historischer Architektur, faszinierender Klöster und viel Grün.
Nach und nach füllen sich die Sitzreihen. Nicht mit Menschen, sondern mit Sitzen: Am brandneuen Stadion in Kiew legen Bauarbeiter letzte Hand an. In gut drei Wochen kommt die deutsche Nationalmannschaft zum Einweihungsspiel. Und am 1. Juli 2012 wird hier das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft ausgetragen.
Bereits heute weisen überall in der Stadt Plakate auf das Großereignis hin: Kiew ist im EM-Fieber. Aber nicht nur. Auf dem Chreschtschatik, dem breiten Prachtboulevard der ukrainischen Hauptstadt, haben Dutzende Menschen eine Zeltstadt errichtet. Es sind Anhänger der einstigen Premierministerin Julia Timoschenko, die sich vor Gericht dafür verantworten muss, angeblich zu hohe Gaspreise mit Russland ausgehandelt zu haben. „Ein politischer Prozess“, sagen ihre Anhänger. Gleich neben ihnen lässt Präsident und Intimfeind Viktor Janukowitsch Parteigänger mit riesigen Fahnen für eine Verurteilung demonstrieren – zu Marschmusik.
Die Tausende, die sich zur Rushhour aus den extrem tiefen U-Bahn-Schächten an die Oberfläche wälzen, scheint all dies wenig zu interessieren. Auch nicht die alten ärmeren Frauen, die selbstgepflückte Himbeeren vor sich zum Verkauf ausgebreitet haben. Hinter ihnen werben schicke westliche Edelmarken.
Kiew ist bunt, Kiew ist lebhaft. Und Kiew ist spannend. Schade, dass die Stadt mit ihren drei Millionen Einwohnern im Westen so wenig bekannt ist. Denn wer das erste Mal Kiew besucht, der staunt über Pracht und Schönheit der Metropole am Fluss Dnipro. Hunderte historische Bauten, die meisten bestens saniert, prägen die Innenstadt.
3,3 Mill. Menschen leben in Kiew – etwa genauso viele wie in Berlin. Seit 1991 ist Kiew Hauptstadt der unabhängigen Ukraine (46 Mill. Einwohner), 2004 kam es angesichts von Wahlfälschungen zur „Orangenen Revolution“. Eine der Anführerinnen, die spätere Premierministerin Julia Timoschenko, steht derzeit vor Gericht wegen Missbrauchs öffentlicher Gelder. Politisch sind Land und Stadt geteilt: in „orangene“ Reformer und in Anhänger des eher russland-orientierten derzeitigen Präsidenten Janukowitsch.
Wichtigster Wirtschaftszweig ist die Landwirtschaft: Die Ukraine ist einer der weltweit größten Anbauer von Weizen und Sonnenblumen. Fast ebenso wichtig sind Stahlerzeugung und Chemie. Zudem zählt die Ukraine zu den größten Waffenproduzenten. Schwer getroffen wurde sie 1986 durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Jugendstilvillen stehen an den von Bäumen gesäumten Straßen, und am liebsten würde man sich ewig treiben lassen: vorbei am mittelalterlichen Goldenen Tor, am Chimärenhaus mit steinernen Fabelwesen auf Dach und Außenwänden und vorbei an den prachtvollen Kirchen und Klöstern. Glaube spielt eine große Rolle, und schon vor dem Betreten der Kirche bekreuzigen sich die Menschen.
Trotz seiner Attraktivität ist Kiew auf der Landkarte westlicher Urlauber ein weißer Fleck. Umso stärker frequentieren Geschäftsreisende die Stadt, denn die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Ukraine und Deutschland sind eng. „Als größter Nachbarstaat der EU bildet die Ukraine das Sprungbrett nach Russland“, erklärt Martin Grunert, Senior Expert für Wirtschaftsförderung bei DE International/DIHK in Kiew. „Mit ihren 46 Mill. Einwohnern bietet die Ukraine zudem einen bedeutenden Binnenmarkt, aber auch die vergleichsweise niedrigen Produktionskosten locken Investoren.“
Mehr als 1500 deutsche Unternehmen sind Kooperationen mit ukrainischen Partnern eingegangen, und von Henkel über Knauf, Leoni, Obi und Praktiker bis Rewe sind etliche Firmen aktiv. Auch der Mittelstand: Der Bau des EM-Stadions in Kiew etwa ist fest in deutscher Hand – von der innovativen Dachkonstruktion, die ein bayerischer Betrieb vornimmt, bis zu den Anzeigetafeln, Spezialität einer Wuppertaler Firma.
Auch als Geschäftsreisender sollte man sich Zeit für einen Stadtrundgang nehmen. Schon der Bummel an den vielen bunten Marktständen und entlang der Künstlerstraße Andreas-Steig mit unzähligen Souvenirhändlern lohnt sich. Auf dem riesigen Unabhängigkeitsplatz wurde Geschichte geschrieben: Oppositionelle lösten hier 2004 die „Orangene Revolution“ gegen Wahlbetrügereien aus. 2010 allerdings hat sich das Blatt mit der Präsidentschaft des als russlandtreu geltenden Janukowitsch wieder gewendet. Wer seinen Rundgang auf dem Prachtboulevard Chreschtschatik beginnt, auf den wirkt Kiew, das genau wie das antike Rom auf sieben Hügeln errichtet wurde, zunächst wie ein Moloch: eng bebaut, dichter Verkehr auf vielspurigen Straßen und Menschentrauben, die aus den Metro-Schächten kommen. Doch nur wenige Schritte entfernt sieht es anders aus. Hübsch bepflanzte Straßen laden zum gemütlichen Spazieren und kleine Parks mit reichlich Sitzbänken, Eis- und Kaffeeständen zum Entspannen ein. Besonders schön ist die Ruhepause vor dem harmonisch wirkenden Bau des St.-Michaelsklosters mit seinen goldenen Kuppeln.
Kirchen und außergewöhnliche Gebäude gibt es reichlich: das Chimärenhaus, die prachtvoll verzierte einstige Fabrikantenvilla „Puppenschloss“, das Schokoladenhäuschen, dessen Fensterornamente ans Schokoblatt einer Torte erinnern oder die „Villa der weinenden Witwe“, verziert mit einem Mädchenkopf, auf dessen Wangen Regentropfen zu sehen sind. Auf Denkmäler und Straßenskulpturen, die meist bekannte Künstler darstellen, trifft man auf Schritt und Tritt.
Die Stadt ist sauber, gilt als sicher – und wer Menschen nach dem Weg fragt, stößt auf große Hilfsbereitschaft. Zwar sprechen meist nur die Jüngeren englisch, aber irgendwie klappt die Verständigung auch ohne Sprache. Einige Worte Ukrainisch – „danke“ zum Beispiel heißt „djakuju“ – sollte man beherrschen; auf Russisch reagieren manche allergisch. Seit 1991 ist das Land unabhängig, und Ziel aller Parteien, ob links oder rechts, ist der Beitritt zur Europäischen Union.
Trotz des niedrigen, offiziellen Durchschnittsverdienstes von nicht einmal 300 Euro pro Monat sind die Preise in Kiew fast auf westlichem Niveau. Gute Hotels wie beispielsweise das „Rus“ kosten um die 75 Euro pro Nacht. Wer gut und typisch ukrainisch essen gehen will, dem sei das recht häufig in der Stadt vertretene Bistro „Puzata Hata“ ans Herz gelegt: Ein komplettes Menü ist für gut vier Euro zu haben.