Für Geschäftsreisende, die länger als vier Nächte vor Ort sind, bieten Serviced Apartments eine Alternative zum regulären Hotel. Ihre Zahl wächst, und einfacher als bislang lassen sie sich buchen.
Schon bei der Bezeichnung fängt es an. Wie heißt es – Boarding-Haus? Aparthotel? Corporate Housing? Für Max Schlereth, Gründer der ersten Vertriebs- und Marketing-Kooperation in diesem Segment, ist die Sache klar: Der Chef von Living Hotels, wie der Verbund heißt, spricht von Serviced Apartments. Diesen Begriff verwenden auch die Amerikaner, und für die sind Langzeitunterkünfte längst Alltag. „Die Wege in den USA sind weit, und die Arbeitnehmer waren immer schon flexibler“, vermutet Nicole Scholz, Director of Operations bei Living Hotels, als Grund: „Und da es in den USA so gut wie keine Mietwohnungen auf Zeit gibt und Hotels für längere Aufenthalte zu teuer sind, eröffneten dort die ersten Serviced Apartments.“
Ein Unterkunftskonzept, das auch bei Firmen in Deutschland zunehmend populärer wird – gerade im Projektgeschäft. Fast 400 Anbieter werben hierzulande um Geschäftsreisende, die mindestens vier Nächte vor Ort bleiben. Familiengeführte Häuser beherrschen das Segment. Die Vorteile für Geschäftsreisende zählt Nicole Scholz auf: „Bis zu 30 Prozent geringere Kosten, mehr Platz, Service nach Bedarf und eine ‚eigene‘ Wohnung zum Wohlfühlen.“
Denn anders als „normale“ Hotels verfügen die Langzeitunterkünfte über eine komplett eingerichtete Küche. Waschmaschine und Trockner finden sich mindestens in einem Gemeinschaftsraum – wenn nicht sogar in der Wohnung selbst. Welchen Service sie wann und wie benötigen, legen Firmenkunden selbst fest – vom Saubermachen bis zum Brötchenholen. Manche Häuser füllen auf Wunsch den Kühlschrank auf, aber auch klassische Hotelleistungen wie Frühstück und Wäscheservice sind buchbar.
Dabei eignen sich solche Wohnungen für Monteure ebenso wie für Projektmitarbeiter und Management-Angehörige. „Die Reisenden sollen nach einem langen Tag nach Hause kommen“, sagen Hans-Heinrich Hohenner und Ralph Jerey, die in Frankfurt das Paragon Boarding House betreiben. Ab 90 Euro pro Nacht vermieten sie (bei mehr als sechs Monaten Aufenthalt ab 45 Euro) – als Gratis-Leistungen gibt es Telefongutscheine, WLAN und einen eigenen Briefkasten. Zudem kooperiert Paragon mit dem Anbieter Fitness First.
Pionier und Marktführer in Deutschland ist Derag, zugleich Keimzelle der Living-Hotels-Kooperation. Mit dem Max Emanuel in München eröffnete Derag vor knapp 30 Jahren das erste Serviced-Apartment-Hotel, heute gehören 13 Häuser in Berlin, Bonn, Frankfurt, München, Nürnberg, Weimar und Wien dazu. Im Juli soll das erste Nullenergiehaus in Betrieb gehen: Das Campo dei Fiori direkt am Münchner Viktualienmarkt erzeugt selbst Energie: mit Abwärme aus Klima- und Gefrieranlagen und per Solartherme. „Große Pufferspeicher sammeln zudem Energie, die gerade nicht benötigt wird“, erklärt Derag-Vertriebschef Tim Düysen.
Noch gelten Serviced Apartments als Nischenprodukt in Deutschland, und in der Finanzkrise 2009 setzten Unternehmen den Rotstift gerade im Projektgeschäft besonders stark an. Umgekehrt sehen mehr Firmen als bislang in den Unterkünften eine Möglichkeit, bei längeren Geschäftsreisen Übernachtungskosten einzusparen.
Potenzial ist da. Laut Geschäftsreise-Analyse des Verbands Deutsches Reisemanagement unternahmen deutsche Betriebe 2009 mehr als 35 Millionen. Geschäftsreisen, die länger als vier Tage dauerten. Nur 25 Prozent davon decken die Serviced Apartments ab. „Es ist also noch jede Menge Luft drin“, bilanziert Living-Hotels-Chef Max Schlereth.
Allerdings muss die Branche „ihre Hausaufgaben machen“, wie es Marktbeobachter formulieren. Soll heißen: So vielfältig wie die Bezeichnungen für die Langzeitunterkünfte sind, so unterschiedlich fällt das Produkt aus. Ein Dilemma, aus dem Living Hotels seinen Partnern und Kunden einen Ausweg bieten will. Der mit elf Häusern gestarteten Kooperation werden Ende des Jahres 18 Anbieter angehören – außer den Derag-Häusern sind dies fünf Privatbetreiber in Wien, Leipzig, Frankfurt, Stuttgart und München.
„Als starke Dachmarke für die Einzelkämpfer und die kleineren Hotelketten bieten wir eine Anbindung an alle Buchungskanäle, professionelles Marketing und die Online-Buchbarkeit. Zudem verhandeln wir mit den Kunden zentral über Firmenraten“, erläutert Nicole Scholz. Die Travel Manager wiederum „müssen sich nicht in jeder Stadt neue Anbieter suchen, sondern können vereinfacht mit uns ihre Raten verhandeln.“ Auch Storno- und Depositbedingungen nähern sich an.
Neben der Kooperation Living Hotels gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Buchungsportalen, die sich auf Serviced Apartments spezialisiert haben. Apartmentservice hat gar eine eigene Zertifizierung mit insgesamt vier Kategorien eingeführt.
Und manch weltweit tätige Hotelkette mischt mit: Adagio, eine Tochter von Center Parcs und Accor, hat in München gerade ihr zweites deutsches Haus eröffnet, und Marriott plant langfristig sogar 25 Langzeithotels. Daneben sind internationale Anbieter wie Citadines (Singapur) und Adina (Australien) aktiv, und die deutsche Derag nimmt eine weitere Expansion ins Visier – für 2012 steht Düsseldorf auf dem Plan.