Kommentieren

Luftfahrt-Bündnisse

09.07.2010, 09:15 Uhr

Die Airline-Allianzen boomen

von Oliver Graue

Im Verbund mit Wettbewerbern fühlen sich immer mehr Fluggesellschaften wohler: Die drei großen Airline-Allianzen wachsen derzeit stark. Gut oder schlecht für Geschäftsreisende?

Ganz schön bunt geht es in den Allianzen zu - zumindest, was Gesichter und Uniformen des Kabinenpersonals betrifft.
Foto: PR

Der Fleck ist weg. Für das Luftfahrt-Bündnis Star Alliance galt Südamerika als eine der letzten weißen Stellen auf der Landkarte. Diese ist jetzt getilgt: Am 13. Mai wurde die brasilianische Fluggesellschaft TAM als Mitglied Nummer 26 in die Star Alliance aufgenommen. Über Nacht wird damit aus unerschlossenem Gebiet eine der am besten frequentierten Regionen: Mit einem Marktanteil von über 40 Prozent ist TAM nicht nur die führende Fluglinie in Brasilien, sondern auch die Nummer eins auf dem gesamten Kontinent.

Schon 60 Prozent Marktanteil

Gemeinsam geht es besser: Im internationalen Flugverkehr nimmt die Konzentration enorm zu. Auf die drei Luftfahrt-Bündnisse Star Alliance, Skyteam und Oneworld entfallen über 60 Prozent aller Flüge weltweit, eine geballte Macht. Allein die Star Alliance wuchs binnen weniger Monate um fünf auf 26 Mitglieder. Kurz vor dem TAM-Beitritt kamen Continental und die belgische Brussels dazu, in den Startlöchern stehen die griechische Aegean und Air India. Von einem „großen Interesse bisher ungebundener Fluggesellschaften“ spricht Bündnis-Chef Jaan Albrecht.

Porträt

Die drei großen Bündnisse und ihre Mitglieder

Star Alliance:
Mitglieder: Air Canada, Air China, Air New Zealand, ANA, Asiana Airlines, Austrian, BMI, Brussels, Continental, Egypt Air, LOT, Lufthansa, SAS, Shanghai Airlines, Singapore, South African, Spanair, Swiss, TAM, TAP, Thai Airways, Turkish Airlines, United, US Airways.
Kandidaten: Aegean, Air India.
Flugzeuge: 3300
Passagiere: 630 Mill.
Flüge pro Tag: 21.000
Skyteam:
Mitglieder: Aeroflot, Aeromexico, Air France/KLM, Alitalia, China Southern Airlines, Czech Airlines, Delta Air Lines, Korean Air, Tarom (neu), Vietnam Airlines (neu).
Flugzeuge: 1950
Passagiere: 384 Mill.
Tägliche Flüge: 13.100
Oneworld:
Mitglieder: American Airlines, British Airways, Cathay Pacific, Finnair, Iberia, JAL, LAN, Malev, Mexicana, Qantas, Royal Jordanian.
Kandidaten: S7, Kingfisher.
Flugzeuge: 2300
Passagiere: 340 Mill.
Tägliche Flüge: 8750

Stand: 2010, Biztravel-Recherche, Angaben der Allianzen

Weniger Kosten, mehr Ziele

Pro Tag 21.000 Flüge mit 3300 Maschinen und jährlich 630 Mill. Passagiere – damit ist Star Alliance um Lufthansa das größte Bündnis. Im Skyteam versammeln sich neun Linien, darunter Air France/KLM, Delta und Aeroflot, ganz neu sind die rumänische Tarom und Vietnam Airlines. Den Mittelpunkt von Oneworld bildet British Airways – mit Finnair, LAN, Qantas und der russischen S7.Kostengründe lassen Fluglinien unter den Mantel einer Allianz schlüpfen. Gemeinsame Verkaufsbüros, Technologie, Einkaufsrabatte, ein einheitliches Key-Account-Management sowie geringere Ausgaben bei Vielfliegerprogrammen gehören dazu. Größter Vorteil aber ist, dass die einzelnen Gesellschaften innerhalb einer Allianz ihren Kunden deutlich mehr Ziele und Anschlussflüge anbieten können – nämlich auch diejenigen der Partner.

Alle Airlines an einem Terminal

Das wiederum gilt auch bei Geschäftsreisenden als großes Plus. Über ihre Heimat-Airline können Firmen auch solche Ziele buchen, die von dieser nicht angeflogen werden. Und weil alle Mitglieder einer Allianz meist am selben Flughafen-Terminal starten und landen, gestaltet sich das Umsteigen bequem.

Weitere Vorteile: Produkte wie „Rund-um-die-Welt-Tarife“ oder sogenannte Air-Pässe für Regionen oder ganze Kontinente machen das Reisen flexibel, und Firmen, die sich an Förderprogrammen beteiligen, können auch bei den jeweiligen Allianz-Partnern Punkte sammeln und einlösen.

Doch es gibt auch kritische Stimmen. So befürchten Marktbeobachter, dass durch die Machtkonzentration die Ticketpreise steigen. Besonders bei den Transatlantikrouten verspüren Wettbewerbshüter Bauchschmerzen: Dort dominieren die Allianzen deutlich. Laut einer Statistik des US-Repräsentantenhauses stiegen zwischen 1999 und 2004 die Ticketpreise überall dort, wo Allianzen flogen, um 12,6 Prozent, während auf anderen Strecken die Kunden nur 1,1 Prozent mehr für ihren Flugschein zahlen mussten. Weitere Gefahr: Firmenkunden können sich keine Airlines mehr herauspicken, mit denen sie Raten verhandeln, sondern müssen mit allen Partnern der Allianz einen Vertrag unterschreiben – „alles oder nichts“. Das würde die Listen der bislang bevorzugten Fluggesellschaften kräftig durcheinanderwirbeln. Doch zumindest dagegen gibt es Abhilfe: Experten raten den Firmen, hart zu bleiben und trotz möglicher Allianz-Vereinbarungen weiter auf Einzelverträgen mit den Linien zu beharren.

Starke Singles am Himmel

Bündnis-Vertreter wie Götz Ahmelmann, Leiter Allianzen bei Lufthansa, widersprechen allen Befürchtungen. Ein Konzept wie „Atlantic Plus Plus“, bei dem LH, United, Continental und Air Canada ihre Flugpläne und ihr Marketing bei Nordamerika-Flügen eng abstimmen wollen, verstößt seiner Ansicht nach nicht gegen das Kartellrecht – zumal zwei weitere Allianzen dagegen konkurrieren. Hinzu kommt, dass die Bündnisse jede Aufnahme eines neuen Mitglieds intensiv prüften. Einstimmigkeit ist Pflicht.

Und dem Bündnis-Trend zum Trotz: Viele Fluggesellschaften setzen gerade jetzt auf ihre Eigenständigkeit oder schließen bilaterale Verträge. Deutschlands zweitgrößte Fluglinie Air Berlin zählt ebenso dazu wie die Gesellschaften aus den Golfstaaten – von Emirates über Gulf bis Oman Air.

Überblick

Die Allianz-Angebote für Geschäftsreisende

Firmenförderung: Für kleine und mittlere Unternehmen bieten die Allianzen Förderprogramme, mit denen die Firmen bei allen oder mehreren Mitgliedern Punkte sammeln können. Blue Biz etwa gilt bei Air France, KLM, Delta und Kenya. Oneworld nennt sein Produkt Businessflyer, bei Star Alliance heißt es Company Plus.

Firmenraten: Mit international tätigen Konzernen schließen die Allianzen individuelle Verträge über Sonderraten. Corporate Plus heißt dieses Konzept bei der Star Alliance, bei Oneworld nennt es sich Global Alliance Corporate und bei Skyteam Alliance Corporate Agreement.

Meeting-Programme: Auch für Flüge zu Tagungen oder Events bieten die Allianzen Sondertarife – für die Organisatoren ebenso wie für die Teilnehmer. Skyteam nennt sein Angebot Global Meetings, Star Alliance Convention und Meetings Plus.

Sondertarife: Angebote wie „Round The World“- oder „Global Explorer“-Tarife, „Circle“-Raten und spezielle Flugpässe für bestimmte Regionen oder Kontinente machen das Reisen flexibler und günstiger. Meist lassen sich für einen Flugpass – etwa bei der Star Alliance – fünf bis zehn Flüge buchen, die sich bei allen Allianz-Mitgliedern einlösen lassen.

Lounges: Geschäftsreisende können die Flughafen-Lounges aller Allianz-Partner „ihrer“ Fluggesellschaft besuchen. Skyteam etwa verfügt weltweit über 415 Lounges, Star Alliance über 805.

Meilen und Punkte: Wer am Vielfliegerprogramm einer Fluggesellschaft teilnimmt, kann meist auch bei allen oder mehreren Allianz-Partnern dieser Airline Punkte sammeln und einlösen.

www.oneworld.com
www.skyteam.com
www.staralliance.com

Teilen Sie diesen Artikel (Hilfe): Social Bookmarks

© 2012 Verlag Dieter Niedecken GmbH, Alle Rechte vorbehalten