Im Verbund mit Wettbewerbern fühlen sich immer mehr Fluggesellschaften wohler: Die drei großen Airline-Allianzen wachsen derzeit stark. Gut oder schlecht für Geschäftsreisende?
Der Fleck ist weg. Für das Luftfahrt-Bündnis Star Alliance galt Südamerika als eine der letzten weißen Stellen auf der Landkarte. Diese ist jetzt getilgt: Am 13. Mai wurde die brasilianische Fluggesellschaft TAM als Mitglied Nummer 26 in die Star Alliance aufgenommen. Über Nacht wird damit aus unerschlossenem Gebiet eine der am besten frequentierten Regionen: Mit einem Marktanteil von über 40 Prozent ist TAM nicht nur die führende Fluglinie in Brasilien, sondern auch die Nummer eins auf dem gesamten Kontinent.
Gemeinsam geht es besser: Im internationalen Flugverkehr nimmt die Konzentration enorm zu. Auf die drei Luftfahrt-Bündnisse Star Alliance, Skyteam und Oneworld entfallen über 60 Prozent aller Flüge weltweit, eine geballte Macht. Allein die Star Alliance wuchs binnen weniger Monate um fünf auf 26 Mitglieder. Kurz vor dem TAM-Beitritt kamen Continental und die belgische Brussels dazu, in den Startlöchern stehen die griechische Aegean und Air India. Von einem „großen Interesse bisher ungebundener Fluggesellschaften“ spricht Bündnis-Chef Jaan Albrecht.
Pro Tag 21.000 Flüge mit 3300 Maschinen und jährlich 630 Mill. Passagiere – damit ist Star Alliance um Lufthansa das größte Bündnis. Im Skyteam versammeln sich neun Linien, darunter Air France/KLM, Delta und Aeroflot, ganz neu sind die rumänische Tarom und Vietnam Airlines. Den Mittelpunkt von Oneworld bildet British Airways – mit Finnair, LAN, Qantas und der russischen S7.Kostengründe lassen Fluglinien unter den Mantel einer Allianz schlüpfen. Gemeinsame Verkaufsbüros, Technologie, Einkaufsrabatte, ein einheitliches Key-Account-Management sowie geringere Ausgaben bei Vielfliegerprogrammen gehören dazu. Größter Vorteil aber ist, dass die einzelnen Gesellschaften innerhalb einer Allianz ihren Kunden deutlich mehr Ziele und Anschlussflüge anbieten können – nämlich auch diejenigen der Partner.
Das wiederum gilt auch bei Geschäftsreisenden als großes Plus. Über ihre Heimat-Airline können Firmen auch solche Ziele buchen, die von dieser nicht angeflogen werden. Und weil alle Mitglieder einer Allianz meist am selben Flughafen-Terminal starten und landen, gestaltet sich das Umsteigen bequem.
Weitere Vorteile: Produkte wie „Rund-um-die-Welt-Tarife“ oder sogenannte Air-Pässe für Regionen oder ganze Kontinente machen das Reisen flexibel, und Firmen, die sich an Förderprogrammen beteiligen, können auch bei den jeweiligen Allianz-Partnern Punkte sammeln und einlösen.
Doch es gibt auch kritische Stimmen. So befürchten Marktbeobachter, dass durch die Machtkonzentration die Ticketpreise steigen. Besonders bei den Transatlantikrouten verspüren Wettbewerbshüter Bauchschmerzen: Dort dominieren die Allianzen deutlich. Laut einer Statistik des US-Repräsentantenhauses stiegen zwischen 1999 und 2004 die Ticketpreise überall dort, wo Allianzen flogen, um 12,6 Prozent, während auf anderen Strecken die Kunden nur 1,1 Prozent mehr für ihren Flugschein zahlen mussten. Weitere Gefahr: Firmenkunden können sich keine Airlines mehr herauspicken, mit denen sie Raten verhandeln, sondern müssen mit allen Partnern der Allianz einen Vertrag unterschreiben – „alles oder nichts“. Das würde die Listen der bislang bevorzugten Fluggesellschaften kräftig durcheinanderwirbeln. Doch zumindest dagegen gibt es Abhilfe: Experten raten den Firmen, hart zu bleiben und trotz möglicher Allianz-Vereinbarungen weiter auf Einzelverträgen mit den Linien zu beharren.
Bündnis-Vertreter wie Götz Ahmelmann, Leiter Allianzen bei Lufthansa, widersprechen allen Befürchtungen. Ein Konzept wie „Atlantic Plus Plus“, bei dem LH, United, Continental und Air Canada ihre Flugpläne und ihr Marketing bei Nordamerika-Flügen eng abstimmen wollen, verstößt seiner Ansicht nach nicht gegen das Kartellrecht – zumal zwei weitere Allianzen dagegen konkurrieren. Hinzu kommt, dass die Bündnisse jede Aufnahme eines neuen Mitglieds intensiv prüften. Einstimmigkeit ist Pflicht.
Und dem Bündnis-Trend zum Trotz: Viele Fluggesellschaften setzen gerade jetzt auf ihre Eigenständigkeit oder schließen bilaterale Verträge. Deutschlands zweitgrößte Fluglinie Air Berlin zählt ebenso dazu wie die Gesellschaften aus den Golfstaaten – von Emirates über Gulf bis Oman Air.