Als Urlaubsziel bekannt, als MICE-Destination hingegen „Europas berühmtestes Geheimnis“: Portugals Algarve lockt Veranstaltungsplaner mit modernen Locations, viel Grün – und schnellen Autos.
Das Meer ist immer da. Und die Sonne eigentlich auch: An 360 Tagen im Jahr scheint sie über der Algarve. Doch dicht an dicht liegen die Urlauber nur im Hochsommer an den Stränden. Im Frühling und Herbst ist es ruhig im äußersten Süden Portugals. „Dabei sind die Temperaturen gerade dann besonders angenehm, und die Natur zeigt sich von ihrer schönsten Seite“, sagt Luis Coelho und lächelt: „Es ist eine ideale Zeit für Meetings und Events.“
Zugegeben, Luis Coelho muss so sprechen – aus beruflichen Gründen. Als Convention-Chef des Tourismusbüros der Algarve will er die Region zum MICE-Ziel machen: „Wir sind Europas berühmtestes Geheimnis“, wirbt der 36-Jährige. Sein Konzept könnte aufgehen. Denn das natürliche Potenzial für einen Eventstandort erster Güte hat die Algarve längst, das künstliche – die MICE-spezifische Infrastruktur also – seit Neuestem auch. „Wir wollen zeigen, dass wir weit mehr bieten als Sonne und Strand“, sagt Bruno Canhoto, MICE-Manager der Hotelgruppe CS. Besitzer Carlos Saraiva startete einst mit dem Bau von Golfplätzen und führt heute die am schnellsten wachsende Hotelkette des Landes. Sein erst kürzlich eröffnetes Kongresszentrum ist das größte der Algarve. Und Angebote für Rahmenprogramme gibt es reichlich.
Einst galt der Süden Portugals als kleiner verträumter Landstrich. Die Zeit, in der kleine Bauernhäuser und Fischerboote das Bild bestimmten, ist zwar vorbei. Doch die „authentische Algarve“ gibt es nach wie vor. Sie zu entdecken gehört zu den reizvollsten Incentives: Mit Jeeps geht es tief ins hügelige Hinterland – durch Orangen- oder Zitronenplantagen und vorbei an urigen Dörfern oder historischen Herrenhäusern. „Meist wurden sie von britischen, holländischen oder deutschen Auswanderern restauriert“, sagt Marco Nobre von der Agentur Portitours, der seit Jahrzehnten solche Jeep-Touren leitet. In den Straßencafés schmeckt das Gebäck aus Marzipan, Feigen und Johannisbrot doppelt so gut – ebenso wie der Feigenschnaps, der in kleinen Destillerien gebrannt wird.
In der Natur prägen Korkeichen das Bild. Portugal bestreitet mehr als 50 Prozent der weltweiten Korkproduktion – ein mühsames Geschäft. In Handarbeit wird die Rinde abgeschält und mit weißer Farbe eine Zahl auf die Stämme gepinselt. „Sie gibt das Jahr der jüngsten Ernte an“, erklärt Nobre. „Das nächste Abschälen ist erst neun Jahre später erlaubt. Darüber wacht Lissabon stark.“
Nahe des malerischen Ortes Paderne schließlich stoppen die Jeeps an den Ruinen einer Burg: Arabische Mauren hatten an dieser Stelle erbittert gegen die Christen gekämpft. Das ist 750 Jahre her, und außer Orts- und Landschaftsnamen wie Al-Gharb (Algarve, „der Westen“) erinnert nur wenig an sie. In einem kleinen Museum lassen sich Funde bewundern: Tonkannen, Speerspitzen und jahrtausendealte Stricknadeln.
Das Grün der Pinienwälder, Palmen und Kakteen, das Blau des Ozeans und das Rot des eisenhaltigen Bodens: Portugals Süden lockt mit seiner Natur. Ein ganz besonderes Landschaftserlebnis bietet auch Paulo Nugas mit seiner Agentur Formosamar. Auf Booten erkunden Gruppen den Naturpark Ria Formosa vor der algarvischen Hauptstadt Faro: Das Gebiet, auf Deutsch „die schöne Lagune“, ist das reichhaltigste Ökosystem Portugals. Seine Kollegin Barbara, die solche Touren führt, kennt inzwischen „fast alle Vögel beim Namen“, wie sie sagt. Immerhin 200 Arten leben hier, von der Pfuhlschnepfe bis zum Flamingo.
Auf dem Trip lassen sich zudem Fischer bei der Muschelernte beobachten, oder die Teilnehmer reiten durchs Watt. „Bei Firmen sind die Ausflüge beliebt“, sagt Barbara, „auch weil sie nur zwei bis drei Stunden dauern.“
Dabei steht die Natur auch schon während des Meetings im Vordergrund. Die Hotel-Resorts umfassen oft mehrere Hundert Hektar. Grüne Nischen für Galadinners, Partys oder auch Besprechungen finden sich reichlich – „zwischen Pinien und Palmen oder direkt am Strand“, wirbt Bruno Canhoto von CS.
Das Wetter spielt mit: „Die Sonne scheint meist bis weit in den November und dann wieder ab Februar“, sagt Helder Marcelino, vom Sheraton-Hotel Pine Cliffs. Der Name des Hauses ist Programm: Vom Park des Resorts, das in einer braunrot leuchtenden Klippenlandschaft liegt, bietet sich ein herrliches Panorama über die Küste. Die Lage auf roten Felsklippen und der Blick über den Atlantik – beides zeichnet auch das Grande Real Santa Eulalia aus. Und André Bernardo vom Hotel Ria Park wirbt: „Wir kombinieren modernste Technik mit Natur, Ruhe und Sonne.“ Sein Haus ist nicht das einzige, das Vereine wie Bayern München, Frankfurt, Stuttgart oder Wolfsburg längst für sich entdeckt haben: Trainingscamps an der Algarve gehören für Bundesligafußballer ins Programm.
Übrigens ebenso wie für Golfer. Die flächenmäßig kleine Algarve bietet 36 Plätze, und immer wieder rühmen Experten die Region als weltweit bestes Ziel für Anhänger dieser Sportart. Oft sind die Plätze sogar Teil der Hotelanlage – wie im Hilton Vilamoura. Wer genug hat vom Grün, der steigt ins Auto und fährt zum Autodromo Internacional do Algarve, der drei Jahre alten Rennstrecke. Starke Nerven sollte man mitbringen: Für Incentive-Gruppen bietet das Autodromo an, als Kopilot eines Rennfahrers den Rundkurs kennenzulernen. Um sich anschließend selbst ans Steuer zu setzen.
Vielleicht ist es gerade diese Kombination aus Natur, modernen Kongresszentren und Motorsport, die Autohersteller in jüngster Zeit an die Algarve zieht. Die Präsentation des BMW 1, zu der im Januar 12.000 Menschen anreisen, ist von seiner Größe her allerdings ungewöhnlich. „Meistens haben wir Meetings von 50 bis 300 Teilnehmern“, sagt Luis Coelho. Eine angenehme Zahl für die Incentive-Veranstalter. Und für einen Ausflug ans äußerste Südwestkap Europas. Dort, wo die Algarve endet, steht ausgerechnet eine deutsche Pommesbude. „Letzte Bratwurst vor Amerika“ heißt sie.