Kommentieren

Nachhaltigkeit

08.10.2010, 09:15 Uhr

Grüne Hotels

von Boris Graue

Die Nachfrage nach klimafreundlichen, nachhaltigen Hotels und Tagungen wächst. Zwar fehlt noch ein umfassendes Ökozertifikat für die Branche, doch einzelne Häuser und Ketten preschen vor.

Foto: PR

Seinen Spätfilm im Hotel-TV hat sich Thomas Droht, Tagungsgast aus Dortmund, verdient: Im Crowne Plaza Kopenhagen strampelt der Manager fleißig auf einem der ersten Strom erzeugenden Fahrräder der Welt. Die Energie wandert direkt in die Versorgung des Hotels. Besonderer sportlicher Ehrgeiz wird honoriert: Wer zehn Wattstunden (1 Kilowattstunde = 1000 Wattstunden) erzeugt, wird zum Essen eingeladen.

Kugelschreiber aus nachwachsenden Rohstoffen, Briefblöcke aus Recyclingpapier, Quellwasser aus der Region: Was Reisenden als Geste des guten Umweltgewissens erscheint, wird mehr und mehr zu einem Anspruch, dem sich Hoteliers stellen müssen. Denn nachhaltiges, grünes Tagen kann schon in absehbarer Zeit zum „Must Have“ werden. „Nachhaltigkeit wird immer wichtiger“, sagt Michael Blaumeiser vom VDR: „Einige Unternehmen orientieren sich schon jetzt nur an grünen Zertifikaten, und beinahe alle müssen Nachhaltigkeitsreports schreiben.“

Hunderte Mill. Kilos an CO2

Fest steht: Die Branche trägt Verantwortung. Von jährlich 2,8 Mill. Veranstaltungen mit 318 Mill. Teilnehmern geht das German Convention Bureau GCB aus, der VDR von mehr als 150 Mill. Geschäftsreisen. Bedenkt man, dass selbst moderne Hotels einen CO2-Ausstoß von knapp 3 Kilo pro Übernachtung produzieren, errechnen sich atemberaubende Zahlen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Fast alle großen Hotelketten bieten ihren Gästen seit einigen Jahren die Möglichkeit einer CO2-Ausgleichszahlung, die an Klimaschutzorganisationen überwiesen wird. „Die Tagungsbranche sorgt für eine riesige Menge an Menschen, die sich auf der ganzen Welt treffen“, sagt die Karlsruher Expertin Sabrina Sölch, die jüngst eine Studie zum Thema Nachhaltigkeit verfasst hat. „So wichtig diese Treffen für die Wirtschaft sind, so groß ist die Umweltbelastung, ob beim Transport, beim Müll oder beim Verbrauch.“

Auf der Suche nach grünen Hotels können sich Firmen derzeit an verschiedenen Zertifikaten orientieren, etwa an dem von der EU als „glaubwürdig“ beworbenen Ecolabel. Mit der grünen Blume ausgezeichnete Häuser erfüllenmindestens37Umweltkriterien.BeimVDR wird an einem eigenen Zertifikat gearbeitet. „Wir sind in Gesprächen über die Einführung“, berichtet Michael Blaumeiser, „eventuell in Kooperation mit anderen Organisationen und bereits existierenden Siegeln.“

Große Zahl an Zertifikaten

Dazu gehören die Umwelt-Management- Norm Iso 14001, Green Globe, Ökoprofit und Emas. Sabrina Sölch kommt in ihrer Studie zum Ergebnis, dass der „Markt zwar von Zertifikaten überflutet ist“, doch dass diese ergänzungswürdig sind. „Die Kriterien reichen nicht.“ Ihr Schluss: „Ein eigenes Zertifikat für Tagungen könnte helfen, vertrauenswürdige Orientierungshilfe zu erhalten. Es würde nicht nur mehr Aufmerksamkeit für Umweltthemen schaffen, sondern auch beim Kunden für Transparenz sorgen und für Hotels eine Art Richtlinie darstellen.“ Eine Aufgabe für Non-Profit-Organisationen und Verbände, denn, so Sölch: „In ein paar Jahren wird man sehen, wer nur aus Wettbewerbsgründen auf den Zug aufgesprungen ist.“ Das GCB will gemeinsam mit dem Europäischen Verband der Veranstaltungs-Centren Ende 2010 sogar eine „Green Meetings & Events“-Konferenz veranstalten. Was klar zeigt: „Grün“ wird zum Verkaufsargument.

Die gute Nachricht: Deutschland steht im Nachhaltigkeitsengagement im weltweiten Vergleich gar nicht so schlecht da. Doch „skandinavische Staaten sind noch einmal
deutlich voraus“, sagt Thomas Borsbach, General Manager in Berlin bei der Hotelkette Scandic, die in diesem Jahr ein neues Hotel in Berlin und Ende 2011 am Hamburger Gänsemarkt eröffnen wird. „Verbessern kann man immer“, sagt auch Patricia Benz, Global Sales Manager bei Radisson Blu (Rezidor-Gruppe). Oft sind es Einzelhäuser engagierter Hoteliers, die besonders umweltfreundlich geführt werden.

Das Seehotel im thüringischen Zeulenroda gehört ebenso dazu wie das komplett mit Solarstrom betriebene Hotel Victoria in Freiburg. Aber auch die Ketten ergrünen immer stärker. Zu den Vorreitern zählt der skandinavische Scandic-Verbund. „Wir sind anders“, stellt Thomas Borsbach fest. Scandic, in ihrer Heimat mit dem streng reglementierten Swan-Label ausgezeichnet, orientiert sich an nordischen Ansprüchen. Was bedeutet: Schon beim Bau der Hotels wird auf eine geringe Umweltbelastung Wert gelegt, die Materialien sind bewusst gewählt. „Nachhaltigkeit geht vor kurzfristigen Designmoden“, so die Unternehmensphilosophie. Und das zeigt sich in zahllosen Details, wie Thomas Borsbach erklärt: „Es gibt ein eigenes Mülltrennsystem, wir belegen, was mit dem Müll passiert. Und statt vieler Staubsauger verwenden wir ein zentrales Saugsystem.“ Auch vermeidet Scandic den Dauerbetrieb der Geschirrspüler. Borsbach: „Oft wird ein Frühstückstisch für vier Personen komplett eingedeckt. Auch wenn nur ein einziger Gast dort gegessen hat, muss alles gespült werden.“ Konsequenz: Der Gast nimmt sich auch sein Besteck vom Buffet, und schon reduziert sich die Spülmenge auf einen Bruchteil.

Viel Arbeit am grünen Detail

„Nichts davon geht zulasten des Komforts“, betont Borsbach, „der Gast genießt höchsten Standard“. Die Hotelkette hatte vor drei Jahren ihren eigenen CO2-Ausstoß pro Übernachtung erhoben und strebt das Null-Emissionshaus an. Originelle Idee: Gefiltertes Wasser reicht Scandic in wieder verwendbaren Flaschen, entworfen übrigens von der schwedischen Olympiasiegerin Therese Alshammar . „Wir ersetzen damit den Transport von fast vier Millionen Wasserflaschen pro Jahr.“ Neben Umweltbewusstsein zählen für den General Manager aber auch Kriterien wie Barrierefreiheit.

Alle Häuser öko-geprüft

Die Radisson-Blu-Hotels schon 1989 ein eigenes Umweltprogramm – lange, bevor das Thema Marketing-relevant wurde. „Wir bewerben keine Responsible-Business-Richtlinie, sondern wir leben sie. Von Anbeginn und aus Überzeugung“, betont Patricia Benz. Gerade im Klimaschutz sieht die Kette, die in mehr als 50 Ländern über elf Millionen Gäste in 270 Hotels t beherbergt, eine wesentliche Aufgabe: „Wir verbrauchen Energie und tragen damit zum Klimawechsel bei – dessen sind wir uns bewusst“, sagt Benz und erklärt: Die Unternehmensphilosophie schreibt den respektvollen Umgang mit der natürlichen Umgebung vor.

Was im Klartext zum Beispiel bedeutet: Alle Radisson-Blu-Häuser in Deutschland sind nach Iso-Norm 14001 zertifiziert. Und was dort mit ausgewählten und fair gehandelten Nahrungsmitteln beginnt, reicht bis ins Detail – bis hin zu umweltschonend produzierten Schreibutensilien. „Nachhaltiges Handeln aus eigener Überzeugung passt besser zu unseren Grundsätzen als werbewirksame Öko-Tagungspakete“, sagt Patricia Benz.

Erste Biosphären-Hotelkette

Die spanische Hotelkette Sol Melia, die etwa 300 Hotels in 30 Ländern betreibt, wurde im Dezember vergangenen Jahres als weltweit erste „Biosphären-Hotelgruppe“ zertifiziert. Für die begehrte Auszeichnung des in Madrid ansässigen und eng mit Unesco und WTO verbundenen Instituto de Turismo Responsable (ITR) muss ein besonders umfangreicher Katalog von Kriterien erfüllt werden – als einzige Hotelzertifizierung stellt sie hohe Anforderungen an soziale, kulturelle und umweltrelevante Faktoren. Zur Zulassungsprozedur gehört auch eine Analyse im Hinblick auf nachhaltigen Tourismus: „Untersucht wurden die soziokulturellen, wirtschaftlichen und natürlichen Umwelteinflüsse, die Sol Meliá an seinen Standorten auf die Umgebung ausübt“, erklärt Markus Vergin, Director Of Marketing and Sales. Damit nicht genug: Selbst die Unternehmenspolitik und die ihr zugrunde liegenden Prinzipien sind relevant, unter anderem werden Investitionskriterien unter die Lupe genommen, aber auch Betriebsabläufe: Beschaffung, Erreichbarkeit, Antidiskriminierungsprogramme, Einbindung der Gäste, Integration lokaler Kultur und Ressourcenverbrauch.

Und mindestens zehn Prozent der Häuser müssen bereits von unabhängigen Organisationen zertifiziert sein, also beispielsweise von Iso oder Emas. „Alle unsere neuen Häuser sind mit Wärmerückgewinnungssystemen und Wasserrecycling-Anlagen ausgestattet, hinzu kommt unser papierloses Abrechnungssystem“, erklärt Vergin. Ein anderes Beispiel sind die Westin-Hotels. Im Grand Berlin und Bellevue Dresden etwa bieten sie die Möglichkeit zu sogenannten „Natural Meetings“. Soll heißen: Das Catering kombiniert nährstoffreiche und ausbalancierte Nahrungsmittel, und tagen lässt sich statt überdacht unter freiem Himmel. Etwa direkt in den Dresdner Elbgärten: Wenn das nicht die Kreativität vorantreibt!

So finden Sie ein ökologisches Hotel

Wie finden umweltbewusste Firmen einen Tagungsort, den sie mit gutem Gewissen buchen können? Sabrina Sölch hat in ihrer Studie ausführliche Kriterien für ein Veranstaltungs-Umweltzertifikat entwickelt, die wertvolle Orientierung bieten.

  • Anreise: Erleichtert das Hotel die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel? Bietet es in Zusammenarbeit mit der Bahn oder regionalen Verkehrsbetrieben spezielle Pakete an, die Gutscheine für Fahrkarten oder Veranstaltungstickets enthalten?
  • Fuhrpark: Besteht der Fuhrpark des Hotels selbst aus Kleinwagen, Elektro- oder Hybridfahrzeugen?
  • Regionale Produkte: Arbeitet das Hotel mit Lieferanten, die regionale Produkte bevorzugen?T Sonnenlicht Kommen Konferenz- und Tagungsräume vollständig ohne künstliche Beleuchtung aus?
  • Besser elektronisch: Vermeidet das Hotel exzessives Drucken? Unterstützt es stattdessen die Idee der „papierlosen Tagung“, etwa durch das Verleihen von Laptops oder die Nutzung von Tafeln (auch elektronisch) statt Flipcharts?
  • Kühlen und Heizen: Werden Heizung und Klimaanlage bewusst eingesetzt? Richtwerte: Temperatur in Konferenzräumen nicht über 20 Grad, keine Kühlung von mehr als 6 Grad unter Außentemperatur.
  • Eigene Vorschläge: Macht das Hotel auch den Gästen Vorschläge zum umweltgerechten Verhalten? Zum Beispiel: „Drucke nur aus, was du unbedingt brauchst, bring eigene Schreibutensilien und Papier mit, gehe so viel wie möglich zu Fuß“.
  • Umweltkonzept: Grundsätzlich sollte man immer fragen, ob das Hotel über ein Umweltkonzept verfügt und wie dieses aussieht. Komplette Klimaneutralität wird sich jedoch schwerlich finden lassen.

Teilen Sie diesen Artikel (Hilfe): Social Bookmarks

© 2012 Verlag Dieter Niedecken GmbH, Alle Rechte vorbehalten