Im heimischen Kühlschrank fristet er ein trauriges Dasein. Im Flugzeug hingegen ist Tomatensaft der Superstar. Alles über die himmlische Lust auf den blutroten Trunk.
Prall, rund und saftig oder fest und fleischig. Klein wie eine Kirsche oder riesig wie eine Pampelmuse. Die Farbe: Tomatenrot. Schon die Azteken haben den kleinen Kraftprotz kultiviert und verzehrt. Und sie gaben ihm auch den Namen: Tomatl. Das bedeutet so viel wie „etwas prall Angeschwollenes“.
Die Gemüsefrucht aus der Neuen Welt hat längst nicht nur die Alte Welt erobert, sondern auch den Himmel. Zu schmackhaftem Saft gepresst, mit einem Tütchen Salz und Pfeffer serviert, erfreut sie den Gaumen unzähliger Fluggäste. So fließen Jahr um Jahr Millionen Liter durch durstige Passagierkehlen.
Manch einer will sich den Genuss des sonnenroten Trunks nicht nur über den Wolken gönnen. Also landet beim nächsten Gang zum Supermarkt auch eine Flasche Tomatensaft im Einkaufswagen. Der schafft es zwar bis in den Kühlschrank, fristet dort aber zumeist ein Dasein als Mauerblümchen. Warum avanciert der blutrote Trunk in himmlischen Höhen zum Star, während er auf Erden versauert? Wieso gelüstet es so viele Menschen an Bord nach einem Plastikbecher Tomatensaft?
Tatsache ist, dass der Trunk im Flieger zu jeder Tageszeit und Jahreszeit von Jung und Alt und von Mann und Frau getrunken wird – so jedenfalls weiß es das Bordpersonal von Air Berlin zu berichten. Und die Flugbegleiter haben da so ihre Theorien über die Lust auf Tomatensaft. Da ist auf jeden Fall ein Nachahmereffekt. Der Erste bestellt – und ruck, zuck ordern auch die Nächsten, und schon schwappt die Tomatensaftwelle durch den Flieger.
Auch als Appetitzügler passt der Saft. Denn wem der Magen knurrt, dem verschafft der dickflüssige Saft kurze Linderung. Oder schwirren über den Wolken etwa mehr oxidative Substanzen durch die trockene Kabinenluft, gegen die das Lycopin schützen soll? Der Stoff ist reichlich in der Frucht vorhanden.
Ute Hantelmann von der Hamburger Zentrale für Ernährungsberatung sieht das pragmatischer: „Tomatensaft liefert wertvolle Vitamine und Mineralstoffe bei geringstmöglicher Kalorienzufuhr“, sagt die Ökotrophologin. Sicher eine Erklärung für den Siegeszug des Gemüsesafts über den Wolken. Immerhin hat er sich unter den Säften bei Air Berlin den zweiten Platz erkämpft.
Einen modernen Grund für die Erfolgsgeschichte sieht die Ernährungsexpertin in den Smoothies, die als Fruchtpüree derzeit die Kühlregale erobern und in Konsistenz und Geschmacksintensität dem Trunk ähneln. Vielleicht sind es aber einfach nur Genuss und Geschmack eben dieses einen Bechers, der einem serviert wird. „Ernährungsphysiologisch gesehen ist der Tomatensaft auf jeden Fall eine gute Wahl“, sagt Hantelmann. Na dann – einen Tomatensaft, bitte!