Sicher Fliegen

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Interview mit Prof. Biermann

Prof. Dr. Thomas Biermann leitet am Wildau Institute of Technology WIT Master-Studiengänge im Luftverkehrsmanagement. Sein neuestes Buch zeigt die Entwicklung der Flugsicherheit auf.

von Oliver Graue, 18.11.2015, 09:00 Uhr
Prof. Dr. Thomas Biermann
Foto: privat

Germanwings, Malaysian, Ukraine – die Zahl der Katastrophen scheint wieder anzusteigen. Nimmt die Flugsicherheit ab?

Seit 1972 geht die Zahl der Unfalltoten im Luftverkehr stetig zurück, trotz starkem Passagierwachstum. Natürlich gibt es in einzelnen Jahren Ausreißer: 2013 war ein sehr gutes, 2014 ein leider wirklich schlimmes Jahr. 2015 wird voraussichtlich im längerfristigen Trend liegen. Eine so geheimnisvolle Affäre wir die verschwundene Maschine in Malaysia bleibt natürlich lange in den Medien, und der Absturz eines deutschen Verkehrsflugzeuges rüttelt uns hier naturgemäß besonders durch.

Wieso passiert heute im Luftverkehr so viel weniger als noch vor 20 oder 30 Jahren?

In der kommerziellen Fliegerei sterben pro Jahr im Durchschnitt 500 Menschen durch einen Absturz – bei weit mehr als 3 Mrd. Passagieren. Mitte der 90er gab es halb so viele Passagiere, aber doppelt so viele Tote. Basis des Fortschritts ist ein nach dem 2. Weltkrieg aufgebautes internationales System mit verlässlichen statistischen Daten und einer vollen Transparenz in der Ursachenanalyse nach einem Crash – und zwar in Kooperation aller Beteiligten. Das ist ziemlich einmalig und hat zu großen Lernerfolgen in der Unfallvermeidung geführt.

Wie gut schneidet das Flugzeug im Vergleich mit anderen Verkehrsmitteln ab?

Man berechnet das so: Zahl der Unfalltoten geteilt durch die Personenkilometer, also die Zahl der Reisenden multipliziert mit der Distanz. Da ist das Flugzeug mit Abstand am sichersten und das Auto 60 mal gefährlicher! Allerdings hängt das auch damit zusammen, dass bei jeder Flugreise sehr viele Kilometer „produziert“ werden. Berechnet man das Risiko pro Reise, liegt das Flugzeug im Mittelfeld. Der Bus steht klar besser da, eine Fahrradtour ist deutlich riskanter.

Warum haben dann weit mehr Menschen vorm Fliegen Angst als vorm Autofahren?

Das verstehe ich gut. Immerhin verstoßen wir beim Fliegen gegen ein mächtiges Naturgesetz: die Schwerkraft. Wo gibt es das sonst?

Wenn doch etwas passiert: Welches sind die häufigsten Ursachen für Abstürze?

Bis in die 60er-Jahre waren primär technische Defekte verantwortlich, insbesondere bei den noch recht unzuverlässigen Propellern. In den 70ern wird die Technik besser, und menschlichen Faktoren rücken nach vorn – etwa Fehleinschätzungen von Piloten. Heute schauen wir vor allem auf organisatorische Mängel. Warum etwa wurde für diesen Flug ein Pilot eingeteilt, der die Situation nicht beherrscht? Aber: Eine einzelne Ursache gibt es praktisch gar nicht mehr, es müssen schon mehrere Dinge zusammenfallen, damit es kracht.

Welche Flugphasen sind die riskantesten?

Schlimmster Feind des Flugzeugs ist der Erdboden. Nur 4 % der Flugzeit gehen für Landeanflug und Landung drauf, doch 47 % der Unfälle passieren hier. Weitere 14 % erfolgen in der Startphase, 10 % beim Rollen. Allerdings gibt es bei bodennahen Unfällen Überlebende.

Gibt es neue Gefahren, der wir uns vielleicht noch nicht so bewusst sind?

Wir sind immer besser gewappnet gegen klassische Absturzursachen wie Triebwerksausfall oder Navigationsfehler. Aspekte, die früher als exotisch galten, werden da relativ bedeutsamer – der versehentliche Abschuss durch Militärs oder der erweiterte Selbstmord des Piloten.

Gibt es sicherere Plätze an Bord?

Das kommt auf den Crash an. Achten Sie darauf, dass Sie angeschnallt sind, und nehmen Sie den Kopf zwischen die Knie! So bleiben Sie mit viel Glück heil genug, um ins Freie zu gelangen.

Gibt es unsichere Airports?

Bestimmt – wenn Sie etwa nach Libyen reisen oder in den Sudan. Aber im Land selbst dürfte es noch gefährlicher sein als bei An- und Abreise.

Werden Abstürze irgendwann undenkbar?

So lange es die Schwerkraft gibt: nein.

Lese-Empfehlung

Warum gilt Fliegen eigentlich als so sicher? Und wird es so bleiben? Prof. Thomas Biermann gelingt es, in seinem Buch Safety Management in Aviation – and beyond dieses Thema sehr gut verständlich aufzubereiten. Er zeigt, wie es zum hohen Niveau der Flugsicherheit gekommen ist und wie dieses System als Modell für andere risikoreiche Branchen dienen kann. Neuartige Gefahren (Germanwings, Ukraine) blendet er nicht aus. Sehr empfehlenswert! (Wildau Verlag, englisch, 270 S., 36 Euro).

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