Sicherheit, Teil 1

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Mehr Schutz auf Geschäftsreise

Der Terror hat das Thema Sicherheit ins Bewusstsein gerückt. Doch über ein echtes Risiko-Management verfügen die wenigsten Firmen. Dabei wäre dies dringender denn je.

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von Oliver Graue, 15.09.2017, 17:10 Uhr
Foto: GettyImages

Für Markus Epner, damals Senior Manager Unternehmenssicherheit bei der Lufthansa, gehörte die Aktion zu den spektakulärsten. Als die Fluggesellschaft feststellte, dass sich in dem von Terroristen belagerten Oberoi-Hotel in Bombay auch sieben Crew-Mitglieder aufhielten, schickte sie sofort ein Sicherheitsteam in die indische Stadt. Zwar galten die LH-Mitarbeiter als relativ sicher, da sie in der 17. Etage des Hauses und damit weit oben eingemietet waren. Doch als nach der Stürmung des Hotels durch indische Polizeikräfte die überlebenden Gäste herausgeführt und eingehend geprüft wurden, ließen sich die Lufthanseaten sehr schnell identifizieren – dank der Hilfe durch die Sicherheitsexperten.

Gesetzliche Fürsorgepflicht

„Binnen sechs Stunden waren sie aus Indien evakuiert“, erinnert sich Epner. Eine Rettungsaktion, von der sich die Flugbegleiter noch heute – neun Jahre danach – erzählen. Tenor: „Egal, in welche Gefahr geraten, unser Arbeitgeber holt uns da raus.“ Das schnelle Handeln hat damit nicht nur direkt geholfen, sondern dem Unternehmen überdies einen Gewinn an Vertrauen und Image beschert.

„In den Produktionshallen von Unternehmen ist die Sicherheit meist sehr genau geregelt“, sagt Martin Becker, Travel Manager bei Dräxlmaier, „für Geschäftsreisen in Krisenregionen aber nicht.“ Der bayerische Autozulieferer hat sich ein umfassendes Konzept verordnet und gilt heute als vorbildlich. Tatsache ist: Der zunehmende Terror hat das Thema Reisesicherheit zwar in die Köpfe vieler Unternehmensvorstände gebracht, dennoch handelt noch lange nicht jeder. Dabei ist Terror nur eine von sehr vielen Gefahren, die auf Geschäftsreise drohen. Und die Arbeitgeber – sofern es in ihrer Macht liegt – von ihren Mitarbeitern fernhalten müssen. Das schreibt bereits die sogenannte Fürsorgepflicht im Bürgerlichen Gesetzbuch vor. Ob bei Unfällen, Epidemien, Kriminalität, Naturkatastrophen, Streiks, Festnahmen, Krankheiten oder anderen Risiken: Unternehmen müssen etwaige Risiken in Reiseländern kennen, ihre Beschäftigten darüber informieren (auch wenn diese bereits vor Ort sind) und ihnen im Falle des Falles unverzüglich helfen.

Auswärtiges Amt hilft

„Die Fürsorgepflicht gilt vor, während und nach der Reise“, betont Professor Tobias Ehlen von der Hochschule Worms. Vor der Reise bedeutet: Es dürfen nur solche Beschäftigte losgeschickt werden, die gesundheitlich dafür geeignet sind. Vor allem dann, „wenn es in Länder geht, die vom deutschen Klima- oder Hygienestandard deutlich abweichen“, erklärt Ehlen. Auf erforderliche Impfungen müssen Arbeitgeber ebenso hinwirken, wie sie über etwaige Sicherheitsgefahren aufklären müssen. Und geht es in Krisengebiete, sind spezielle Sicherheitstrainings vorgeschrieben.

Doch was genau sind Krisengebiete? Und wie lassen sich Hinweise auf Risiken gewinnen? Ehlen rät, Geschäftspartner im Ausland zu befragen, auf Erfahrungen anderer Reisender zurückzugreifen, vor allem jedoch die kostenlosen Informationen des Auswärtigen Amtes zu nutzen. Die Behörde nimmt auf ihrer Website tägliche Aktualisierungen vor und bietet mit der Gratis-App „Sicher reisen“ einen ausführlichen Service (siehe Kasten). Die Fürsorgepflicht für unterwegs umfasst in jedem Fall den Krankenversicherungsschutz: Dieser muss dem deutschen Standard entsprechen und zusätzlich zu einer möglicherweise bereits vorhandenen privaten Absicherung des Reisenden abgeschlossen werden. Um nach Unfällen hohen Schadensersatzforderungen vorzubeugen, wie sie etwa in den USA üblich sind, kann auch eine Haftpflichtversicherung helfen.

Und: Sollte sich in Sachen Sicherheit während des Aufenthalts etwas ändern, muss der Arbeitgeber seine Reisenden darüber sofort informieren. Garantieren muss er auch Soforthilfe. Voraussetzung dafür ist eine 24/7-Telefonnummer, an die sich die Beschäftigten wenden können. Von den Fürsorgepflichten nach der Reise sind praktisch nur Expats betroffen: So sind je nach Entsendungsort Nachuntersuchungen vorgeschrieben.

Existenzbedrohende Folgen

Sollte es zu einem Notfall kommen und das Unternehmen hat seiner Pflicht nicht genügt, können die Folgen gerade für kleine Firmen existenzbedrohend sein. Geschädigten werden in der Regel hohe Schadensersatzansprüche zugebilligt – bis hin zum behindertengerechten Ausbau des Hauses, sollte der Mitarbeiter nicht mehr selbst bewegungsfähig sein. Derzeit sind vor deutschen Gerichten etwa 40 Verfahren anhängig, bei denen sich Arbeitgeber wegen mangelnder Fürsorgepflicht verantworten müssen. Es gibt allerdings weit mehr Fälle – sie dringen nur nicht an die Öffentlichkeit, da sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer meist „geräuschlos“ einigten.

Um ein Risiko-Management aufzubauen, ist zunächst eine Analyse erforderlich. Markus Epner etwa, der inzwischen die Unternehmenssicherheit bei Boehringer Ingelheim leitet, hat zunächst die Terror- und Hochsicherheitsländer unter den bereisten Zielen identifiziert – samt Zahl der Dienstreisen dorthin. Die entsprechenden Risiken wurden – und werden permanent – bewertet, und für die Mitarbeiter bestehen entsprechende Schulungsprogramme.

Auch Martin Becker von Dräxlmaier hat die Art der Risiken ebenso analysiert wie die bisherigen Vorfälle. Reiseziele – aber auch Reisemittel in diesen Ländern – wurden bewertet. Für das niederbayerische Unternehmen waren Ereignisse wie der „Arabische Frühling“ im Jahre 2011/12 und der Drogenkrieg in Mexiko Anlässe, ein professionelles Travel Risk Management aufzubauen. Immerhin zählt Dräxlmaier allein in Mexiko gut 10.000 Beschäftigte.

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