Kommentieren

Tagungsziel Island

26.11.2009, 12:14 Uhr

Rückkehr zur Seele

von Oliver Graue

Geldgier und Größenwahn haben Island in die Pleite geführt. Nun besinnen sich die Menschen neu und entdecken ihre Wurzeln wieder – Natur, Kultur und Nation. Ein spannendes Ziel für Tagungsreisende.

Verträumte Stille: Das Dorf Osvör liegt am Westfjord.
Foto: FVA

Zum Feiern ist Zeit – trotz Krise. Vor 20 Jahren durfte in Island erstmals Bier frei verkauft werden, am 1. März 1989. „Seither feiern wir jedes Jahr unseren B-Day , sagt Island- Spezialist Arthur Bollason und lacht: „Der ist genauso wichtig wie der Nationalfeiertag.“ Auch wenn Werbung für alkoholische Produkte nach wie vor verboten ist, „so gilt Trinken bei uns fast als Tugend“, sagt Arthur, der schon viele Jobs innehatte – TV-Moderator, Touristenführer, Schriftsteller und heute Manager der Fluggesellschaft Icelandair. Und für Reykjaviks Jugend ist das Feiern Philosophie, am B-Day und an jedem beliebigen Freitagabend. Dann verwandelt sich die sonst beschauliche Inselhauptstadt in eine Party- Hochburg. Fröhlichkeit allerorts? DasBild trügt. Denn ein Jahr nach Ausbruch der Krise, die Island so stark erwischt hat wie keinen anderen europäischen Staat, steht das Land wirtschaftlich vor einem Trümmerhaufen. Die meisten Menschen sind hoch verschuldet, viele haben ihren Job verloren, Auslandsreisen sind nicht mehr drin, und manche spielen gar mit Auswanderungsgedanken. Island wird jetzt erstmals von einer rot-rot-grünen Koalition regiert.

Erfolgreiche Kochtopfrevolution

Als Kochtopfrevolution bezeichnen die Menschen den Wechsel: Täglich waren Tausende vor Parlament und Zentralbank gezogen und schlugen stundenlang auf Töpfe und Pfannen. So lange, bis die Chefs beider Institutionen ihren Hut nahmen. Skurril: Ausgerechnet David Oddsson, gescheiterter Bankenboss, führt nun die größte Tageszeitung des Landes. Islands Währung hat dramatisch an Wert verloren, die Wirtschaft liegt am Boden.

Island in Kürze

Nur 320.000 Menschen leben in Island auf einer Fläche, die etwa ein Drittel so groß ist wie Deutschland. Die Geschichte der Besiedlung des Landes vor über 1000 Jahren wird in etwa 40 Sagas erzählt, eine Art Heldenprosa aus dem Mittelalter. Sie gehören zu den größten literarischen Schätzen Nordeuropas und erscheinen zur Frankfurter Buchmesse 2011, bei der Island Partnerland ist, neu übersetzt auf Deutsch.

Die Finanzkrise brachte Island vor einem Jahr weltweit in die Schlagzeilen. Nachdem sich fünf Jahre lang alles um die Geldwirtschaft gedreht hatte, brachen im Oktober 2008 drei Banken zusammen und wurden verstaatlicht. Die Regierung und die Leitung der Zentralbank, die von den Isländern für die Krise verantwortlich gemacht werden, wurden aus ihren Ämtern gejagt. Seit Kurzem regiert eine rot-rot-grüne Koalition.

Mitten im Nichts, gelegen vor einem traumhaften Vulkanpanorama, erbaute er das Haus vor zehn Jahren direkt am lachsreichsten Fluss Europas. Tagungen mit Incentives wie Jeep-Fahrten ins Hochland locken die Unternehmen. Zu Björns Hotelkonzept gehört das Grüne: Geheizt wird mit heißem Wasser aus der Erde, das danach als Duschwasser dient. Und auf den Tisch kommen lokale Produkte wie fangfrischer Fisch. Stolz auf Kultur, Natur und Nation: Im Jahr 1 nach Krisenausbruch suchen die Isländer nach ihren Wurzeln. Fünf Jahre lang hatte sich das Land gefühlt „wie eine Wallstreet im Kleinformat“, sagt Arthur. Völker, die es nicht schafften, mit Spekulationen Milliarden zu machen, wurden bemitleidet, die Bänker stolz als Finanzwikinger gerühmt. „Unser fünfjähriges Finanzabenteuer ist zu Ende“, formuliert es jetzt Katrin Juliusdottir, die 34 Jahre alte Tourismusministerin des Landes. Dass Island nicht völlig konkurs ging, hat es auch seinem kleinen Nachbar Färöer zu verdanken, der ihm bedingungslos Millionenkredite gewährte.

Nur eine einzige Branche profitiert: der Tourismus. Weil das Land günstiger geworden ist, reisen jetzt auch solche Menschen auf die Insel, denen die Preise früher zu hoch waren. Selbst der Event- und Incentive-Bereich gewinnt. „Zu unseren Business-Gästen zählen viele deutsche Firmen“, erzählt Björn Eriksson, Geschäftsführer des Nobelhotels Rangá.

Leidenschaft statt Lohn

Katrin (in Island spielt der Nachname keine Rolle) weiß: Ihr Land überlebt nur, wenn es eine Wende vollzieht. Weg von der umweltzerstörenden Aluminiumproduktion, bislang zweitwichtigste Branche nach Fischfang, hin zu grünen Industrien wie IT und Tourismus: Forderungen, mit denen die einstige Importeurin deutscher Kinderbekleidung und Anhängerin des 1. FC Kaiserslautern noch ziemlich allein steht. Ihr Etat, auch für Tourismus, wurde radikal zusammengestrichen, und seine Fremdenverkehrsämter im Ausland hat Island geschlossen. Nun setzt die Ministerin auf Menschen, die aus Leidenschaft für ihr Land werben. Doch es ändert sich etwas in den Köpfen der Menschen. „Sie besinnen sich auf sich selbst“, sagt Arthur: „Die Sagas, die unsere Vergangenheit erklären, werden gelesen wie nie zuvor.“ Arthur gehört zu den Vorreitern. Bereits 1999 gründete er ein Saga-Zentrum und führte Interessierte an die malerischen Schauplätze der Insel, an denen sich einst das Leben der Wikinger abspielte.

2011 wird Island Partnerland der Frankfurter Buchmesse sein, ein Großereignis, auf das die Regierung bereits jetzt hinarbeitet. Wer heute seine Tagungen in Island abhält, der profitiert: Die Natur mit ihren Vulkanketten, klaren Flüssen und Flechten in allen Farben zieht in Bann. Stille, die man hörenkann.„Wir entdecken unseren Ursprung wieder“, sagt Arthur, „den hatten wir vergessen. Doch wer zu schnell rennt, der lässt seine Seele zurück.“ Mahnmale für den Größenwahn sind viele Bauruinen und der Rohbau eines milliardenteuren Kongresscenters, an dem erst langsam wieder Arbeiter werkeln. Und im Kleinen die IslandSuite im Hotel Rangá. Weil der Finanzier pleiteging, ist sie unfertig. „Ich nenne es Reykjavik-Stil“, sagt Björn Eriksson und lacht.

Die vier besten Tipps für einen Island-Besuch

Hotel Rangá Das edle Hotel findet sich im Süden, eine Stunde von Reykjavik entfernt. Neben den 44 Zimmern gibt es 8 Themen-Suites, die nach demVorbild der Kontinente eingerichtet sind. Der Blick auf Vulkan Hekla ist grandios, der lachsreichste Fluss Europas fließt vor der Tür. www.hotelranga.is

Landnahmezentrum Das Museum „Landnahmezentrum“ in Borganes erklärt in einer spannenden, interaktiven Führung, wie die erstenWikinger um 870 anlandeten, lebten und Höfe errichteten. In einem zweiten Teil wird die Saga des Wikingers und Poeten Egil Skalla- Grimsson erzählt. www.landnam.is

Hotel Glymur Direkt an einem Fjord und von herrlicher Landschaft umrahmt steht einsam das Hotel Glymur, 45 Minuten nördlich von Reykjavik. 22 Zimmer und 3 Suiten, Konferenzräume für 50 Personen und vor der Tür Hotpots: 40 Grad heiße Mini-Pools. www.glymurresort.com

Restaurant Fjörubordid Bei Isländern ist das Lokal in Stokkseyri im Süden der Insel eines der beliebtesten: Fangfrisch werden hier die leckersten Hummerschwänze in großen Schüsseln aufgetischt. Und gar nicht so teuer. www.fjorubordid.is

Teilen Sie diesen Artikel (Hilfe): Social Bookmarks

© 2012 Verlag Dieter Niedecken GmbH, Alle Rechte vorbehalten