TravelBlog

(0)

Japaner, wir mögen Euch!

Eine neue Ideologie hat Deutschlands Wirtschaft erfasst: Die totale Digitalisierung soll das Paradies auf Erden bringen. Glücklicherweise machen da nicht alle mit.

von Oliver Graue, 02.06.2017, 11:08 Uhr

Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der totalen Digitalisierung. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendein Wirtschaftsführer oder Politiker behauptet: Wir müssen digital werden, und zwar schnell! Denn ohne Digitalisierung, ohne „Wirtschaft 4.0“, so heißt es, ist Deutschland dem Untergang geweiht. Ob Multi-Channel, Chatbot, Roboter, autonomes Auto oder Virtual Reality: Digitalisierung macht alles noch effizienter – vor allem deshalb, weil es viel Geld spart dank Personalabbau (was aber meist nicht gesagt wird). Überhaupt hört man über die Schattenseiten des eiligen digitalen Wandels eher wenig: Millionen Jobs werden wegfallen, US-Imperien wie Google, Amazon und Facebook treten zunehmend an die Stelle der Politik, und der Mensch wird dank Big Data und Algorithmen durch und durch gläsern. Datenschutz, Humanismus? Haben keinen Platz in einer Welt, in welcher der Algorithmus zur Religion der führenden Klasse erwächst.

Ausgerechnet ein Land, von dem wir es so gar nicht erwarten, macht da nicht mit – jedenfalls weniger konsequent: Japan. Sind die Japaner nicht High Tech per se? Sind sie nicht so etwas wie die verkörperte Digitalisierung? Nein, das sind sie nicht. Ganz und gar nicht.

Bei uns längst museumsreif

Wer durch Japans Straßen streift, sieht Dinge, die bei uns im Museum landen würden: Handys. Also echte Handys, Klapphandys. Solche, wie wir sie vor gefühlt 100 Jahren auch mal hatten. „Wir wollen damit telefonieren“, sagen die Japaner. „Und warum soll man etwas wegwerfen, wenn es doch gut ist und man sich daran gewöhnt hat?“ Und wohl nirgendwo sonst in der Welt findet man in den großen Unternehmen noch so viele Aktenordner, Papierarchive, (echte) Formulare und (analoge) Stempel. Muss gesagt werden, dass auch junge Japaner noch ganz selbstverständlich Tageszeitung lesen? Jawohl, die gedruckte! Und dass sie sich ebenso natürlich eine CD kaufen statt zu „streamen“, wenn ihnen eine Musik gut gefällt? Und wer sich seine eigene Hitparade zusammenstellt, der benutzt dazu eine – man wagt es ja hierzulande kaum auszusprechen – Kassette! Der Grund ist simpel: Japaner vertrauen dem Virtuellen nicht, sie haben gern etwas in der Hand.

Statt jeden – pardon – Sch ... mitzumachen, nur weil der Begriff „digital“ darin vorkommt, sollten unsere „Eliten“ ihren Kopf mal nach rechts drehen, zum Fujiyama statt ins Silicon Valley. „Ihr könnt uns mal, wir machen unser Ding, wir bewahren unsere Ordnung“ statt „Digital Chance sei uns Befehl“.

Die Sache mit den Bahntickets

Eine besonders charmante Tatsache hat Uwe Schwering, Korrespondent der ARD in Tokio, kürzlich im „Weltspiegel“ geschildert: Wer in Japan seine Bahnfahrkarte im Internet kaufen will, erhält statt des Tickets zunächst eine Bescheinigung. Mit dieser geht er dann zum Automaten oder Fahrkartenschalter am Bahnhof – um das Ticket abzuholen. Japaner, wir mögen Euch! Denn Ihr seid wirklich cool.

© 2017 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Impressum AGB Datenschutz Kontakt Media