Urlaub im Ausland

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Sind die alle freundlich hier!

Hat man Ferien und ist anderswo, kommen einem die Menschen oft netter vor als im Alltag und im eigenen Land. Doch Vorsicht: Es kann sich um reine Einbildung handeln.

von Oliver Graue, 12.07.2016, 11:08 Uhr

Och, sind die alle nett! Liegt es am Urlaub und der daraus resultierenden entspannteren Sicht der Dinge? Oder warum empfinden wir die Menschen unseres Ferienlandes oft als sehr viel freundlicher und aufgeschlossener als unsere Mitbürger, die sich gewöhnlich griesgrämig und böse dreinschauend durch den Alltag bewegen?

Mir zumindest geht es häufig so: In England wird schon im Hotelfahrstuhl freundlich gegrüßt, in den USA sind Fragen wie „How are you?“ oder „Where are you from?“ obligatorisch, und auch in den südlicheren Ländern begegnen einem die dortigen Bewohner mitunter lächelnd auf der Straße.

Doch die Frage bleibt: Ist das wirklich so? Oder sind wir in den Urlaubswochen einfach in einem anderen Modus – einem, der uns für Freundlichkeiten, die wir sonst übersehen, empfänglich macht? Als ich vor einigen Wochen geschäftlich im ICE unterwegs war, traf ich auf ein britisches Paar, das gar nicht fassen konnte, wie freundlich und hilfsbereit doch die Deutschen seien. „Davon könnten wir Engländer uns eine Scheibe abschneiden“, meinten die beiden. Und das ausgerechnet in Berlin!

Tatsächlich ist es hierzulande gar nicht so schlimm. Benimmt man sich selbst höflich, erntet man zumeist auch ein nettes Feedback. Und Leute, die auf ein „Hallo“, „Grüß Gott“ oder „Guten Tag“ nicht reagieren und die am Flughafen oder in der U-Bahn dreist drängeln, denen begegnet man nicht nur in Deutschland oder Österreich, sondern überall. Vorausgesetzt natürlich, am entsprechenden Ort gibt es Flughäfen oder U-Bahnen.

Und: Nicht jede Freundlichkeit ist tatsächlich eine. In einem texanischen Städtchen an der Grenze zu Mexiko hatten wir einen kurzen Stopp eingelegt, um dort die sehr bunt dekorierte katholische Kirche zu fotografieren. Doch zum Fotografieren bin ich zunächst gar nicht gekommen, da mich die Menschen, die in ihren Pick-Ups vorbeifuhren, fast ausnahmslos nett aus ihrem Auto grüßten. Klar, dass man da ebenso freundlich zurückwinkt!

Ein wenig ernüchtert war ich allerdings, als meine Freundin bemerkte: „Schau mal, die Autofahrer, die an der Kirche vorbeikommen, bekreuzigen sich!“ Zugegeben, zwischen Grüßen und Sich-Bekreuzigen gibt es bewegungstechnisch einen Unterschied. Aber wer schaut im Urlaub schon so genau hin?

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