Historisches Ambiente, viel Kultur und moderne Hotels: Litauen mit seiner Hauptstadt Vilnius gilt als Geheimtipp für Tagungen. Gastfreundlichkeit wird in dem baltischen Staat großgeschrieben.
Wie grausam Menschen sein können, das berichten die Nachrichten täglich. Und doch ist es anders, selbst an Stätten zu stehen, an denen Unrecht geschah. Das Völkermord-Museum in Vilnius ist eine solche. Der sowjetische Geheimdienst KGB folterte und mordete in dem Haus. Jeder, der für die Freiheit Litauens eintrat, erlitt brutale Qualen, und oft erlag er am Ende den Torturen oder wurde von KGB-Schergen erschossen. Litauen, das sich 1990 die Unabhängigkeit erkämpfte, hat das Gebäude im Originalzustand erhalten. Wenn Besucher an den winzigen, düsteren Zellen im Keller vorbeigehen, in denen die Häftlinge kaum sitzen konnten, und an den Folterkammern, dann meinen sie, die verzweifelten Schreie derer zu hören, die sich gegen den Kommunismus auflehnten. Und wer am Ende den Raum betritt, in dem Menschen erschossen wurden, den überfällt endgültig ein Gefühl der Wut, Trauer und Hilflosigkeit.
Ob man sich als Tagungsgast, Geschäftsreisender oder Urlauber in der 550.000-Einwohner- Stadt aufhält: Ein Besuch des Völkermord-Museums ist Pflicht. Auch wenn es gar nicht zu dem passen mag, was die litauische Metropole sonst zu bieten hat. Vilnius – das ist nicht nur die größte Altstadt Mitteleuropas. Es ist auch eine der schönsten, farbigsten und spannendsten Metropolen. Eine Stadt, die sich dank ihrer modernen Hotels, der derzeit niedrigen Preise und des historischen Ambientes gut für Tagungen eignet. Und als Kulturhauptstadt Europas ist Vilnius auch Kunstmetropole: Zu den noch ausstehenden Projekten zählen das Lichtfestival Lux (November) und die Kunst in unerwarteten Räumen, bei der es zu skurrilen Begegnungen kommt: in mittelalterlichen Innenhöfen oder in Bunkern aus der Sowjetzeit.
Die Stadt selbst ist ein Meisterwerk der Architektur. Genau 78 Stufen führen zur oberen Burg auf dem Gediminas-Berg. „Für die Sportlichen“, sagt Touristenführerin Nijole Serviliene und lacht. Die anderen nehmen die Standseilbahn. Herrlich ist der Blick, der sich von oben eröffnet. Spätestens jetzt wird klar, warum Vilnius als die Stadt der Kirchen gilt: 40 Türme prägen die Sicht, die schönsten sind die der aus rotem Backstein errichteten St.-Annenkirche und der mächtigen, schneeweißen Kathedrale St. Stanislaus. Auf dem Platz, auf dem diese steht, entstand vor 700 Jahren die Stadt. Und gerade mal 20 Jahre ist es her, dass die „Singende Revolution“ der Balten hier ihren Anfang nahm: mit einer595 Kilometerlangen Menschenkette, die von St. Stanislaus über die lettische Hauptstadt Riga bis zu Estlands Kapitale Tallinn reichte.
Religiosität bestimmt nach wie vor das Leben der Litauer. Für unsere Augen ungewöhnlich, wie sich täglich in der Mittagszeit die neben St. Annen gelegene Bernhardiner-Kirche füllt – mit jungen Menschen. „Sie schätzen die spirituelle Atmosphäre, die im Innern herrscht“, sagt Nijole und zeigt auf die noch nicht renovierten Wände: Kirche im Rohzustand. Religion auch gegen die Krise? Die Finanzwirren haben das Baltikum stark getroffen, die Arbeitslosigkeit steigt, die Löhne sinken, und die Binnennachfrage bricht ein. Dabei hatte eben diese zuvor wesentlich für den Aufschwung gesorgt.
„Die Menschen haben Kredite aufgenommen, häufig ohne sich Gedanken zu machen, wie sie diese zurückzahlen können“, erklärt Jan Immel, der die deutsche Auslandshandelskammer (AHK) in Vilnius leitet. Das Geld wurde in Konsumgüter gesteckt, die Gehälter stiegen um 20 Prozent und mehr. „Von der Produktivität her war das nicht gerechtfertigt“, sagt Immel und warnt vor Panik: „Was jetzt passiert, hat auch positive Seiten. Die Menschen erkennen, dass Wohlstand nicht von allein kommt.“
Deutsche Firmen, die in Litauen investieren, ziehen sich nicht zurück. Für sie ist das Land „ein ideales Sprungbrett nach Osteuropa und in einstige Sowjetrepubliken wie Weißrussland oder Kasachstan“, sagt Immel. Geschäftsreisende haben dennoch ein Problem: Auf direktem Weg gelangen sie nicht mehr nach Vilnius. Die litauische Linie LAL ist pleite, und Konkurrent Air Baltic hat seine Nonstop-Routen eingestellt. Es geht nur mit Zwischenstopp in Riga. Der fällt zum Glück kurz aus, da Air Baltic sechs Mal täglich zwischen den Hauptstädten pendelt.