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Wirtschaftsspionage

22.09.2009, 13:00 Uhr

Datendiebe ohne Chance

von Martin Jürs

Wirtschaftsspionage verursacht Milliardenschäden. Auch auf Geschäftsreise droht der Datenklau. Insbesondere die Mitarbeiter mittelständischer Unternehmen sind gefährdet.

Spionage und Datenklau: Geschäftsreisende im Visier ausländischer Agenten.
Foto: iStockphoto

Der Arbeitstag in Peking war lang und anstrengend. Als die Mitarbeiterin eines deutschen Unternehmens nach dem abendlichen Restaurantbesuch redlich erschöpft in ihr Hotel zurückkehrte, wurde es zunächst aber nichts aus der erhofften Erholung. Denn in ihrem Zimmer erlebte sie eine böse Überraschung. Unbekannte hatten während ihrer Abwesenheit den Reisekoffer geöffnet und in einem Geheimfach vertrauliche Firmenunterlagen entdeckt. Die Mühe, ihre Aktion zu vertuschen, machten sich die ungebetenen Zimmergäste nicht. Die Papiere lagen fein säuberlich gestapelt auf dem Koffer.

Gewöhnliche Langfinger waren hier nicht am Werk. Vielmehr handelt es sich um einen klassischen Fall von Wirtschaftsspionage. Die Unterlagen wurden vermutlich von staatlichen Datendieben kopiert, davon sind deutsche Verfassungsschützer überzeugt. Ungewöhnlich ist allein die Offenheit, mit der vorgegangen wurde. In der Regel läuft der Datenklau diskreter ab.

Tipps gegen den Datenklau

Hotel: Sensible Unterlagen nicht unbeaufsichtigt im Hotelzimmer zurücklassen. Auch der Zimmersafe ist nicht sicher.

Kopien: Kopien wichtiger Dokumente, falls erforderlich, nur selbst erstellen. Unterlagen sollten dafür nicht aus der Hand gegeben werden. Das gilt auch für USB-Sticks.

Verhandlungen: In Gesprächs- oder Verhandlungspausen alle Anwendungen auf dem Notebook schließen und das Betriebssystem blockieren.

Notebooks: Notebooks nicht in der Öffentlichkeit wie in Hotellobbys oder auf dem Flughafen nutzen. Über Infrarotschnittstellen können unbemerkt Daten abgezogen werden.

Mobiltelefone: Mobiltelefone während vertraulicher Gespräche ausschalten und wenn möglich auch den Akku entfernen. Denn die Geräte können technisch manipuliert und als Abhörgeräte verwendet werden.

E-Mails: Der E-Mail-Verkehr wird zum Beispiel in Ländern wie China oder Russland überwacht. Wichtige Daten und Informationen daher aufteilen und über verschiedene Kommunikationskanäle versenden.

Kontakte: Geschäftsreisende sollten kompromittierende Situationen meiden, sie werden sonst erpressbar. Kritisch sind auch der illegale Geldumtausch oder der Kauf von Plagiaten.

Gerade dies macht es schwer, den genauen Schaden zu beziffern, der deutschen Unternehmen durch Wirtschaftsspionage im In- und Ausland entsteht. Die Zahlen schwanken zwischen knappen drei Milliarden und bis zu 50 Mrd. Euro pro Jahr. August Hanning, ehemaliger Leiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), geht immerhin von einer Summe von 20 Mrd. Euro pro Jahr aus. Eine Ende 2007 von der Münchner Sicherheitsberatung Corporate Trust in Zusammenarbeit mit dem „Handelsblatt“ und dem Büro für Angewandte Kriminologie in Hamburg durchgeführte Studie kommt auf eine Schadenssumme von jährlich 2,8 Mrd. Euro. Tendenz steigend. Doch egal, ob man eher zu den Optimisten oder Pessimisten zählt, die finanziellen Schäden für die deutsche Wirtschaft sind in jedem Fall immens.

Diese Zahlen zeigen, dass Industriespionage ein weit verbreitetes Phänomen ist und nicht nur einzelne Unternehmen trifft. Laut der Corporate-Trust-Studie dürfte etwa jedes fünfte deutsche Unternehmen schon einmal im Visier von Datendieben gewesen sein.

Besonders gefährdet sind demnach mittelständische Unternehmen. Sie werden am häufigsten zu Spionageopfern. Was auch am fehlenden Problembewusstsein liegt. „Viele Konzerne haben im Laufe der Jahre eine sehr gute Sicherheitsstruktur aufgebaut und schützen sich umfangreich gegen ungewollten Informationsabfluss“, sagt Corporate-Trust-Geschäftsführer Christian Schaaf. Im Mittelstand werde dagegen vielfach äußerst fahrlässig mit Firmeninterna umgegangen. Geradezu blauäugig würden sich die Unternehmen verhalten und einfachste Schutzmaßnahmen vernachlässigen, ergänzt Sven Leidel, Deutschland-Chef des internationalen Sicherheitsdiensleisters ASI Europe: „Die wundern sich dann, dass auf der Messe der chinesische Aussteller neben ihnen ein fast identisches Gerät präsentiert.“

Mittelstand im Visier

Dass ausländische Datendiebe gerade den Mittelstand ausspionieren, überrascht nicht. Schließlich gibt es hier zahlreiche innovative Betriebe. Gefährdet ist dabei nicht nur der viel zitierte deutsche Maschinenbauer. „Es geht um alle Unternehmen mit einem Wettbewerbsvorteil – egal, ob um eine Maschinenbaufirma, ein IT-Unternehmen oder einen Dienstleister“, sagt Andrea Berner, beim Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz zuständig für Wirtschaftsspionage (siehe Interview S. 16). Von Interesse sind dabei nicht nur Produktionsunterlagen, technische Zeichnungen oder neuste Forschungs- und Entwicklungsergebnisse. Auch Marketing-Pläne, Kundendaten oder Vertriebskonzepte sind begehrte Unterlagen.

Die Datendiebe sind zwar vielfach auch im Auftrag der privatwirtschaftlichen Konkurrenz unterwegs. Doch Wirtschaftsspionage im Verständnis hiesiger Sicherheitsdienste wird vor allem von fremden Staaten betrieben. „Der illegale Wissenstransfer ist keine Sache des Kalten Kriegs“, so Udo Schauff vom Bundesamt für Verfassungsschutz auf dem Forum Sicherheit und Reisen im Rahmen der Touristikmesse CMT Mitte Januar in Stuttgart.

 
 
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