Touristenklasse ist im Trend: Etliche Betriebe haben ihre Reiserichtlinien verschärft. Die große Frage ist, ob das 2010 so bleibt. Szenarien für Firmenkunden und Fluggesellschaften.
Die Liste scheint endlos. Terroranschläge, Lungenkrankheit SARS, Irak-Krieg, Tsunami, Finanzkrise, Schweinegrippe: „Wir Airline-Manager haben ein sehr dickes Fell“, sagt Jaan Albrecht und schaut dabei mit einer Mischung aus Resignation und Trotz: „Wir fragen uns immer nur: Was kommt wohl als nächstes?“ Albrecht ist Chef der Star Alliance, einem strategischen Bündnis aus 29 Fluggesellschaften, von Air Canada über Lufthansa, SAS und Swiss bis Singapore. Der Mexikaner, einst selbst Chefpilot, hat in seiner 36-jährigenKarriere viele Aufschwünge und Rückschläge der Branche erlebt. Eines aber gibt er unumwunden zu: „So hart wie jetzt war es noch nie.“ Die Wirtschaftskrise hat der Luftfahrt enorm zugesetzt.
Schuld daran ist auch die Geschäftsreisewelt. Ausgerechnet die Firmen, das Rückgrat der Airlines, fliegen seltener. Oder sie buchen statt der Business Class jetzt die preislich weitaus günstigere Economy. Konzerne wie Mittelständler haben ihre Richtlinien verschärft, und etliche Reisende müssen es hinnehmen, weniger komfortabel und damit oftmals auch weniger ausgeruht am Zielort anzukommen.
Patrick Diemer, Chef des größten deutschen Firmenkreditkartenanbieters Airplus, nennt Zahlen: Seit Anfang des Jahres haben die Unternehmen fast 20 Prozent weniger Flüge gebucht als im Vorjahr – und diese zusätzlich um17 Prozentgünstiger. Für Diemer steht fest: „Das Travel Management der Firmen wird versuchen, diese enormen Preisvorteile zu erhalten.“ Auch wenn die Zahl der Flüge demnächst wieder anziehen und das derzeit niedrige Preisniveau steigen dürfte: Mit einem großflächigen Zurück in die Business Class rechnet der Airplus-Manager für die kommenden Jahre nicht.
Beispiel ZF Friedrichshafen. Um mindestens 40 Prozent muss Ralph Rettig, Travel Manager des Autozulieferers, die Reisekosten 2009 senken. Dabei hilft ihm die neue Flugrichtlinie: „Eco statt Business“ auf allen Strecken. In der Vorstandssitzung von ZF war die Änderung binnen weniger Minuten beschlossen. Auf Langstrecken sitzen die Mitarbeiter jetzt schon mal über acht Stunden lang in der Holzklasse. Immerhin: Für besonders lange und komplizierte Routen nutzt Rettig die neue Premium-Economy, die mehr und mehr Fluglinien offerieren.
Das Bild ähnelt sich: Wo Unternehmen die Business- Plätze nicht völlig gestrichen haben, da haben sie die Flugdauer, ab der die bequemere Variante erlaubt ist, heraufgesetzt. Oder sie suchen wie Rettig und sein Kollege Rüdiger Krenz vom Versicherer Axa in der Premium Economy eine Alternative. Was den Betrieben zunächst Reisekosten spart, ist für die Luftfahrtbranche ein Albtraum. Einer, der als Bumerang schnell wieder die Firmen erreichen könnte. Stellt doch für die großen Linienfluggesellschaften die Business Class das finanzielle Rückgrat dar, ohne das ein Überleben schwer möglich ist. Bleiben diese Einnahmen also aus, wäre die Folge entweder eine enorme Pleitewelle. Den Unternehmen bliebe am Ende ein Pyrrhussieg: Sie müssten auf vielen Strecken künftig mit einem Monopolisten auskommen, der über die Flugpreise kaum mehr mit sich verhandeln lassen dürfte. Oder die Ticket-Preise für die Economy Class steigen rasant an, um die fehlenden Business- Einnahmen zu kompensieren.
Ergebnis für Firmenkunden: weniger Luxus für mehr Geld. Die meisten Geschäftsreiseplaner wissen um diese Zusammenhänge. Doch ob eine Reise angetreten wird und in welcher Klasse: Darüber entscheiden oft nicht sie, sondern die Vorstände. Der Luftfahrtverband Iata sieht zwar erste Zeichen der Erholung, und große Flughäfen wie Frankfurt verzeichnen erstmals seit Monaten wieder Wachstum. Dennoch ist die Iata nicht optimistisch. „Viele Airlines haben ihr Geld aufgebraucht, sie sind auf die Banken angewiesen, und diese geben immer noch keine Kredite heraus“, so Verbandschef Giovanni Bisignani. Und er warnt: „Der Wechsel von der Business in die Economy könnte ein langfristiger struktureller Wandel sein.“ Ob die Firmenkunden nach der Krise wieder vorn sitzen werden, bezeichnet er als „die größte Unsicherheit für die Zukunft“.
Natürlich handeln die Fluglinien längst. Um die Preise nicht ins Bodenlose sacken zu lassen, haben sie Kapazitäten aus dem Markt genommen. Sprich: Streckenwerden gestrichen, Jets werden stillgelegt. Innerhalb der großen Bündnisse Star Alliance, Oneworld und Skyteam setzen die Mitglieder verstärkt auf Codeshare, also auf gemeinsame Füge, um nicht parallel mit wenig frequentierten Maschinen zu starten.
Die Airlines beschließen ambitionierte Sparprogramme: Lufthansa etwa will mit Climb 2011 eine Milliarde Euro weniger ausgeben, im Winter werden pro Woche 1000 Flüge gestrichen. Zugleich werben die Gesellschaften stärker denn je um die Firmenkunden, machen ihnen Angebote, die sie kaum ablehnen können. „Die Unternehmen profitieren momentan von niedrigeren Preisen und höheren Verfügbarkeiten als vor der Krise“, sagt Lufthansa-Manager Marcus Frank. Travel Manager freilich drücken dies ein wenig anders aus. „Ich wäre blöd, wenn ich online buchen würde“, sagt ein Teilnehmer des Forum BizTravel auf dem fvw Kongress in Köln: „Ich greife zum Telefonhörer. Denn die Preise, die mir die Airlines derzeit auf direktem Weg geben, sind unschlagbar günstig.“ Für Frank, Albrecht und andere Luftfahrt- Manager steht fest: Ein neues Miteinander mit den Firmenkundenmuss her, damit es weder zu tödlichen Preiskämpfen noch in deren Folge zu Monopolisten oder gar nicht mehr bedienten Strecken kommt.