Zukunft im Jahre 1841

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Als die Geschwind-Kutsche kam

Wie sah die „Mobilität der Zukunft“ vor 175 Jahren aus? In Hamburg machte 1841 die Geschwind-Postkutsche von sich reden. Nur noch 6:45 Stunden brauchte sie für die 60 Kilometer lange Strecke zwischen Hamburg und Lübeck – statt der bis dato üblichen zwölf Stunden.

von Oliver Graue, 08.09.2016, 08:00 Uhr
Foto: Thinkstock

Als Heinrich Böttcher im vorigen Jahr seinen Beruf als Handelsmann für Leder und Tuch angenommen hatte, wusste er, dass diese Tätigkeit mit Reisen verbunden sein würde. Eigentlich nichts Schlimmes. Denn gern verließ der Hamburger mal die Grenzen seiner Stadt, fuhr nach Volksdorf, Bergedorf, Harburg oder Ahrensburg. Auch wenn dies oft viele Stunden dauerte, so war es für Böttcher doch eine willkommene Abwechslung.

Ganz besonders beschäftigte ihn nun jedoch die Reise, die er morgen würde antreten müssen: In der Hansestadt Lübeck würde er einen potenziellen Handelspartner treffen. Doch mehr als auf das Treffen an sich (was für Böttcher bereits Routine war) freute er sich auf die Fahrt dorthin. Erstmals würde er die Strecke in einer Digilence zurücklegen, einer Geschwind-Postkutsche, die seit wenigen Monaten im Einsatz ist: Am 1. Juli 1841 fuhr das Gefährt erstmals zwischen den beiden Städten, als internationales Gemeinschaftsunternehmen, an dem die Post von Hamburg, Lübeck und Dänemark, das nach wie vor Holstein regierte, beteiligt waren.

Noch konnte er es kaum glauben: Statt wie gewohnt zwölf Stunden oder länger (falls die Pferde wieder mal im Morast versanken), sollte die Fahrt nach Lübeck nur noch sechs Stunden und 45 Minuten dauern. Ob es überhaupt gesund sein konnte, sich mit einer solchen Geschwindigkeit vorwärts zu bewegen? Immerhin waren es mehr als 60 Kilometer bis in die Hansestadt im Norden. Würde die Geschwind-Postkutsche rechtzeitig bremsen können, wenn sich ein Hindernis in den Weg legt?

Nur noch 100 Kilo Gepäck

Mächtig aufgeregt stand Böttcher am nächsten Morgen vor dem Königlich Dänischen Postamt in den Großen Bleichen. Die Kutsche würde gut besetzt sein: Mit ihm warteten zehn weitere Personen, darunter eine dreiköpfige Familie.

Pünktlich um 6.30 Uhr fuhr der Wagen vor. Welch ein Anblick! In schönstem Gelb leuchtete das Fahrzeug, und ein schwarzes Verdeck würde die Reisenden sogar vor Regen schützen, falls sich das Wetter launisch zeigt. Und erst im Innern! In seinem Abteil nahm Böttcher auf einem herrlich gepolsterten Sitz Platz, und seine Beine konnte er stellen, ohne die Knie seines Gegenübers zu berühren. Seine Firma hatte ihn ins Sechserabteil gebucht, ein guter Kompromiss zwischen dem teureren Vorder- und Hintercoupé mit jeweils drei Sitzen und den drei Außenplätzen.

Einziges Manko: Jeder Reisende durfte lediglich 100 Kilogramm Gepäck mitnehmen, und tatsächlich beklagte sich der eine oder andere darüber, wie er seine doch so nötigen Urlaubsutensilien in nur noch zwei Schrankkoffern unterbringen sollte. Welch ein Glück für Böttcher: Er war dienstlich unterwegs, und da genügten einige Anzüge, drei Paar Stiefel, Nachtgewand, Bettzeug, drei Hutschachteln, Rasierzeug und ein paar Bürsten.

Noch strenger waren die Vorgaben nun fürs Handgepäck. Ein Buch und etwas Reiseschreibzeug – mehr durfte es nicht mehr sein. Der Degen musste ebenso zu Hause bleiben wie der Sonnenschirm (immerhin hatte man ja nun das Verdeck) und der Fußsack, der doch so schön vor Kälte schützt. Sein Geld und seine Dokumente verwahrte Böttcher in einem ledernen Gurt. Dann ging es los.

Auf die Minute genau um sieben Uhr stieß der Postillion in sein Hornsignal, und die Diligence setzte sich sogleich in Bewegung. Erste Zwischenstopps wurden in Ochsenzoll und Oldesloe eingelegt (nur dort stieg ein weiterer Passagier ein). Schon in wenigen Jahren soll es übrigens noch schneller gehen als heute, wenn das Hochgeschwindigkeitsnetz wächst und endlich auch die Wandsbeker Chaussee fertiggestellt sein würde.

In höchstem Tempo – es müssen mehr als zehn Kilometer pro Stunde gewesen sein – raste das Gefährt durchs Land, und ganze fünf Minuten dauerte es, bis die Pferde gewechselt waren. Und was das Schönste war: Nur gelegentlich spürte Böttcher einen härteren Schlag im Rücken, meist blieb es bei einem leichten Auf und Ab. Stahldruckfedern sorgten dafür, dass sich Schlaglöcher und unebene Wege bei den Reisenden kaum bemerkbar machten. Erzählte man sich früher Geschichten oder diskutierte über Gelesenes, gab es heute in seinem Abteil nur ein einziges Thema: die unerhörten Fortschritte des Reisens.

„Man fliegt fast vorwärts“

Und als gegen elf Uhr tatsächlich Regen einsetzte, blieb Böttcher trocken: Gar nicht schlimm, dass der Regenmantel in den Koffer musste! Um die Digilence leichter und damit schneller zu machen, fuhr das Gepäck in einem eigenen Wagen, der Beichaise, voraus. Böttcher verspürte ein wohliges Gefühl, auch wenn er immer wieder an das ungewisse Schicksal des Raddampfers President denken musste, über das in den Zeitungen nach wie vor spekuliert wurde: Das größte Dampfschiff der Welt war im März nach seinem Ablegen in New York verschwunden. Bis heute gab es vom Schiff und den 109 Menschen an Bord keine Spur. Und das im Jahre 1841!

Viel Zeit, seine Gedanken zum bevorstehenden Gespräch auf einem Wachstäfelchen festzuhalten, blieb Böttcher nicht. Fast auf die Minute genau um 13.45 Uhr erreichte die Postkutsche den Pferdemarkt an der Trave in Lübeck. Noch ein wenig benebelt vom Temporausch verließen die Reisenden ihr Gefährt und warteten auf die Gepäckkutsche, die nur 20 Minuten später eintraf.

„Man fliegt fast vorwärts“, hatte Böttcher vor wenigen Wochen in der „Zeitschrift für Reisen und Reisende“ gelesen, und dem konnte er heute nur zufrieden lächelnd zustimmen. Und wenn sich Hochgeschwindigkeitskutschen und Chausseen tatsächlich durchsetzen würden – wäre das am Ende nicht auch ein Schritt zu einem geeinten Deutschland? Immerhin gärte es auch politisch im Land; die Pariser Julirevolution von 1830 schien die Menschen anzustecken. Und für ihn als Geschäftsreisenden wäre es ein echter Traum: grenzenlos durch Deutschland reisen – ohne Zoll- und sonstige Kontrollen und vielleicht sogar mit einer einheitlichen Währung.

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