Digitalisierung im Travel Management

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Jetzt aber mal langsam!

Wer jetzt kein Gas gibt, der wird geschluckt. Dessen Travel Management wird wertlos. Das behaupten Digitalisierungsfreunde. Stimmt aber nicht, sagen Branchenexperten. Und sie haben Recht.

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von Oliver Graue, 13.11.2017, 10:24 Uhr
Augenmaß und Sorgfalt statt Hetze und Ungenauigkeit: Digitalisierung hilft nur denen, die vorher nachdenken.
Foto: Gettyimages

Wütend verlässt die Travel Managerin den Tagungssaal. „Ich kann es nicht mehr hören“, sagt sie. Auf der Bühne stellen gerade verschiedenste Anbieter ihre Digitallösungen vor. „Das ist ein großer Hype und nicht das, was uns wirklich im Alltag berührt.“ Da gehe es um andere Dinge: nämlich darum, dass die Reisekosten im Rahmen bleiben, dass die Richtlinien eingehalten und dass durch eine gute Kommunikation die Reisenden von der Sinnhaftigkeit dieser Vorgaben überzeugt werden.

Digitalisierung, Sharing Economy, Apps, Chatbots, Open Booking – ohne Begriffe wie diese kommt heute keine Geschäftsreiseveranstaltung aus. Unternehmen, die ihr Travel Management nicht von heute auf morgen digitalisieren und globalisieren, würden Probleme bekommen, heißt es dann. Denn: Die „Generation Y“ verlange das, der Fachkräftemangel erfordere es, und überhaupt gehe an Chatbots, Apps & Co kein Weg mehr vorbei.

Warnung vor Angstmache

Ohne rasendschnelle Digitalisierung also kein effektives Travel Management mehr? „Das ist Angstmache“, sagt Timo Darr, ehemaliger Travel Manager der Lufthansa und heute selbstständiger Berater. Für ihn steht fest: Internet und künstliche Intelligenz ändern die Aufgaben des Geschäftsreiseplaners nicht. Jedenfalls nicht grundlegend. Damit stellt er sich bewusst gegen jene, die von einer „Revolution im Travel Management“ reden.

„Das einzige, was sich ändert, sind die Systeme und Mittel“, sagt Darr, „wenn etwa die Online-Buchungsmaschine durch eine App und der Mietwagen durch ein Carsharing-Fahrzeug ersetzt wird.“ Aber auch dazu sei keine Firma gezwungen. Darr: „Von einer Revolution ist das alles weit entfernt.“

Eine Aussage, der die Beraterkollegin Liane Feisel (Feisel Consulting) zustimmt. Sie warnt vor einem eiligen oder gar überstürzten Vorgehen in Sachen Digitalisierung. „Da wird mehr zerstört als verbessert“, sagt sie. Wer beispielsweise einen End-to-End-Prozess aufsetzen will, sollte „nicht bei Z starten, also bei der Implementierung des Systems, sondern bei A, der Analyse“. Geht man umgekehrt vor, wäre es so, „als kaufe man für jemanden einen Anzug, ohne dessen Maße zu kennen“, sagt Feisel (Interview: go.biztravel.de/feisel).

Digitale und analoge Lösungen

Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein – so lautet auch das Fazit einer Diskussion beim BME-Kongress Travel, MICE & More: „Einkäufer und Travel Manager sollten sich nicht von Geschäftsführung, IT-Abteilung oder dem Marktumfeld treiben lassen.“ Sondern selbst und mit ihrer Erfahrung entscheiden, welche Lösungen für ihr Unternehmen die sinnvollsten sind. Wichtig ist es, die richtige Balance zu finden. „Wir brauchen analoge und digitale Programme, die alle Mitarbeiter bedienen können", sagt etwa Benjamin Park, Travel Manager bei Parexel.

Er bietet seinen Reisenden inzwischen digitale Instrumente an, lässt aber auch weiterhin die telefonische Buchung zu. Ob eine Firma etwa Apps brauche, müsse sie selbst entscheiden, sagt auch Yvonne Moya, Beraterin und einstige Travel Managerin bei Unilever. „Wichtig ist, dass am Ende die Geschäftsreiseregeln beachtet werden.“ Dass die Reisenden sich also an die Richtlinien halten – dabei können Apps, die den Mitarbeiter unterwegs auf die richtigen Verkehrsmittel aufmerksam machen (etwa den Bus statt das Taxi), helfen. Aber auch das ändert die Aufgaben des Travel Managers nicht.

Richtlinientreue das A und O

Der technische Wandel sei derzeit so rasant wie nie zuvor, und das Silicon Valley vernichte unsere Wirtschaft, wenn wir nicht selbst alle ganz schnell digital werden: Warnungen wie diese hört man täglich. Zugleich wächst ausgerechnet die deutsche Wirtschaft, die doch angeblich den Anschluss verloren hat, so stark wie kaum eine andere.

Wirtschaftsexperten fanden heraus: Die Zeit, in der wir leben, ist nur gefühlt schnelllebig – aber nicht in der Realität. So haben sich sowohl Radio als auch Fernseher in kürzerer Zeit durchgesetzt als Computer oder Handy. Und grundlegend Revolutionäres hat sich seit der Handy-Erfindung 1973 nicht getan; es ist „nur“ kleiner, besser und schneller geworden.

Das Problem sehen Wirtschaftsforscher darin, dass sich die Unternehmen jahrzehntelang nach einer solchen Erfindung untätig verhalten – und plötzlich, wenn das Silicon Valley sie entdeckt hat, panisch werden. Dann muss eben in Schnelle digitalisiert und globalisiert werden. Dabei wäre in den Jahren zuvor für eine evolutionäre, sorgfältige Umstellung viel Zeit gewesen. Sogenannte „disruptive“ Techniken hätten in bestehende Systeme integriert werden können, ohne dass dies als große Umwälzung empfunden worden wäre.

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