Essen an Bord

(0)

Vom Cheeseburger bis zum Edelmenü

Wer in der Luft gut essen will, muss dafür mitunter tief in die Tasche greifen. Wie Fluggesellschaften mit dem Hunger und Durst ihrer Passagiere Geld verdienen wollen.

von Rita Münck, 03.04.2018, 16:53 Uhr
Liebe zum Detail: Handarbeit in der Großküche.
Foto: Gate Gourmet

Sorgfältig wird alles in die Schälchen und auf die Teller verteilt: Salat, Obst und Gemüse, der Lachs, jedes einzelne Häufchen Basmati-Reis und auch das Stück luftig daher kommender Mousse-au-Chocolat-Torte. In den Großküchen von Gate Gourmet und LSG Sky Chefs ist Handarbeit angesagt. Hygiene ist dabei wichtig. Die Mitarbeiter tragen weiße Arbeitskittel, dazu Hauben auf dem Kopf, damit kein Haar auf die akkurat angeordneten Menütablets fallen kann und später den Reisenden an Bord womöglich den Genuss verdirbt.

628 Mio. Mahlzeiten lässt beispielsweise die Lufthansa-Tochter LSG jährlich für Kunden wie ANA, Emirates, Korean Air und natürlich Lufthansa selbst produzieren. Der schweizerische Konkurrent Gate Gourmet, gerade erst vom chinesischen HNA-Konzern gekauft, versorgt jährlich mehr als 500 Mio. Reisende von 300 Fluggesellschaften mit Speisen und Getränken.

Oft nur noch gegen Aufpreis

Der Markt dahinter ist riesig. Und weil immer mehr Menschen fliegen, ist er auf Wachstum gepolt. Doch statt Mousse au Chocolat inklusive reichen immer mehr Fluggesellschaften Schoko-Muffins gegen Aufpreis.

„Die Marktanforderungen haben sich verändert“, heißt es bei LSG. Die Schere zwischen den Klassen gehe immer weiter auf. Für Business und First Class nehmen die Fluggesellschaften mehr Geld in die Hand, während für die Economy Class die Budgets knallhart kalkuliert werden, erläutert Jörg Tüttelmann, bei LSG als Vice President Culinary im Einsatz.

Der Hintergedanke: Passagiere, die für ihren Holzklasse-Sitz sowieso vergleichsweise wenig bezahlen, sollen den Airlines zumindest gute Zusatzeinnahmen bringen: Sie sollen spätestens an Bord erneut ihre Geldtasche zücken. Dafür aber sollen ihnen möglichst trendige und innovative Produkte angeboten werden. Womit die Billigflieger einst begannen – also Essen an Bord nur noch gegen Gebühren –, das führten in den vergangenen Jahren auch immer mehr Linienflieger auf Kurz- und Mittelstrecke ein: sogenannte An-Bord-Verkaufsprogramme, Und manche Unternehmen dehnen diese inzwischen sogar auf die Langstrecke aus.

Parallel plagen die Fluggesellschaften Probleme, ihre First-Class-Kabinen zu füllen. Die dort servierte Spitzenküche ist folglich immer weniger gefragt. Stattdessen wandeln sich die Flugzeugkabinen in der Economy zu Imbissbuden. Kunden ordern zum Teil erst während des Flugs am Platz, bezahlen per Kreditkarte und bekommen wenig später ein warmes Panino oder einen Cheeseburger serviert. Zum Ärger anderer Passagiere riecht dann zwar die gesamte Kabine nach Käse. Doch: Bei der Fluggesellschaft klingelt die Kasse.

An-Bord-Verkauf nimmt zu

Gesund und leicht und danach ein Croissant: So schmeckt es auch an Bord.
Foto: LSG Group

Denn angesichts niedriger Ticketpreise wollen die Unternehmen mit dem Service an Bord immer mehr mitverdienen. Speziell bei Billigfliegern wie Easyjet und Hong Kong Express gelingt das mit Speisen und Getränken bereits gut. Wie aus dem Jahrbuch „Ancillary Revenue 2017“ (Einnahmen aus Zusatzverkäufen) von Idea Works Company und Car Trawler hervorgeht, hat Easyjet 2016 bereits 8% ihres Umsatzes mit dem An-Bord-Verkauf erzielt, Hong Kong Express kam sogar auf 10%.

Ein Ärgernis sind diese erst an Bord erhobenen Entgelte oftmals für Firmenkunden: Reisestellen oder die Geschäftsreisenden selbst buchen scheinbar günstige Tickets. Kommen dann aber nachträglich noch Gebühren für Gepäck oder Mahlzeiten drauf, die Reisende erst am Schalter oder an Bord bezahlen, dann kann der Flugschein nicht nur recht teuer werden. Vor allem verliert der Travel Manager die Übersicht über die wirklichen Flugkosten, und der Abrechnungsaufwand steigt ebenfalls an.

Wizz Air in Europa führend

Doch Änderungen sind nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil nimmt den Idea-Forschern zufolge die Bedeutung der Zusatzerlöse und damit der An-Bord-Verkäufe weiter zu. Mit einem Anteil von sagenhaften 46,4% Prozent am Gesamtumsatz führt der US-Billigflieger Spirit derzeit das Ranking an. 2015 lag der Anteil bei 43,4%. In Europa ist Wizz Air mit 39,4% des Gesamtumsatzes am nächsten dran (Vorjahr: 36,4%Prozent). Ryanair kam Autor Jay Sorensen zufolge 2016 auf 26,8%. Bei dem umstrittenen irischen Billigflieger berichten Stewardessen sogar davon, unter Druck gesetzt zu werden, wenn sie nicht genügend Produkte an Bord verkaufen.

Zusatzverdienste durch Zusatzverkäufe – das weckt Begehrlichkeiten bei den Linien- und Ferienfliegern. Und es fordert ihre Lieferanten heraus – auch technisch. „Wir müssen uns auf Hybrid-Modelle einstellen“, heißt es bei LSG. Es gebe mittlerweile Fluggesellschaften, die den kompletten Service verlangten: von frischer Küche über kostengünstige Produktion von Mahlzeiten bis hin zu Bordverkaufslösungen. Wer als Caterer oben mitspielen will, muss laut LSG flexibel agieren, Komplexität managen können, eine effiziente Logistik haben und IT-Lösungen anbieten, die solche Prozesse durchgängig unterstützten.

LSG hat sich für diese Zwecke bereits vor einiger Zeit den irischen Anbieter Retail in Motion einverleibt: Die Firma übernimmt sogar die Abrechnungs- und Backoffice-Prozesse im Hintergrund. Und dies nicht nur für das Catering an Bord, sondern auch für den dortigen Verkauf von Duty-Free-Produkten und für virtuelle Angebote. Zu den Kunden gehören unter anderem Eurowings, Ryanair, Brussels und Icelandair.

Individuelle Menüs bestellen

Das Ziel: Alle wollen in ihren Kabinen dem gern beschworenen Megatrend zur Individualisierung nachkommen. Sie wollen ihren Passagieren die Option geben, auch an Bord individuell zu speisen und einzukaufen.

Kürzlich erst hat Delta Air Lines angekündigt, noch in diesem Jahr ein entsprechendes System einführen und ihren Kunden die Vorbestellung von Menüs ermöglichen zu wollen. Sechs Tage vor Abflug sollen künftig auch die Langstreckenkunden in Deutschland per Mail kontaktiert und dazu aufgefordert werden. „Über die Vorbestellungen können wir sicherstellen, dass unsere Kunden sich an Bord auch kulinarisch so wohlfühlen wie in ihrem Lieblingsrestaurant“, wirbt Lisa Bauer, Deltas zuständige Managerin.

Der Ferienflieger Condor ist da schon weiter. Wer auf Kurzstrecken speisen will, kann dort – online oder via Reisebüro – ordern und muss zahlen. Der einfache Snack ist ab 3,99 Euro zu haben, das „Premium“-Frühstück gibt es für 11,99 Euro, und glutenfrei genießen kann, wer 13,99 Euro springen lässt. Aktuell stehen acht Optionen zur Auswahl. Auf der Langstrecke sind ein warmes Standardessen und ein Snack plus nicht-alkoholische Getränke inklusive. Wer etwas Besonderes will, kann eine Premiumverpflegung ab einem Preis von 14,99 Euro hinzubuchen.

24 Stunden vor Abflug sollten die Reisenden aber spätestens ihr Extra-Essen angemeldet haben. Diese Kurzfristigkeit sichert frische Produkte. Da aber Condor nur eine Fluggesellschaft im Portfolio der Großküchenbetreiber ist, wird klar: Auf die Logistik im Hintergrund kommt es an. Ohne sie würden Airlines wie Emirates, die von Schonkost über asiatisch- oder jain-vegetarischen bis hin zu natriumreduzierten sowie Hindu- oder muslimischen Menüs eine lange Speisekarte vorhält, die Essen kaum am jeweils richtigen Sitzplatz servieren können. Aber es funktioniert.

Bliebe das Problem im Travel Management: Jeder Zusatzkauf seitens der Reisenden, den diese beim Unternehmen abrechnen, macht Flugpreise intransparent und wenig planbar. Der Preis, der sich am Ende ergibt, liegt deutlich über der (Basis-)Rate, zu der gebucht wurde. Dabei ist bereits der Preisvergleich vor der Buchung schwieriger denn je: Was ist wirklich inklusive? Was muss zusätzlich bezahlt werden? Und wie teuer ist das?

Experten raten dringend, angesichts der weiterhin zunehmenden Differenzierung der Flugpreise in der Reiserichtlinie genau festzuhalten, was das Unternehmen seinen Reisenden auf welchen Flügen (Kurz-, Mittel- und Langstrecke) erstattet und was nicht. Weitaus besser freilich wäre es, von vornherein nur solche Tarife vom System anzeigen zu lassen, die richtlinienkonform sind – viel mehr noch als für die Mahlzeiten gilt dies für das Gepäck. Mit dem neuen Vertriebsstandard NDC sollen derart firmenindividuelle Pakete besser darstellbar sein, als dies heute der Fall ist. Die mangelnde Vergleichbarkeit der Flugpreise bleibt dennoch bestehen.

Zufrieden mit der Qualität

Weniger problematisch ist die Qualität des Essens an Bord. Obwohl immer mal wieder gemäkelt wird, gilt: Speziell auf Langstreckenflügen sind die Deutschen zufrieden mit der himmlischen Kost. Das zeigte jüngst erst wieder eine Verbraucherumfrage des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft.

Gut 86% der Passagiere gaben darin an, dass ihnen das Essen schmeckt. Nur 13% waren anderer Ansicht. Das wiederum könnte schlicht am Umstand liegen, dass in 10.000 Metern Höhe wegen des niedrigen Luftdrucks und der extrem trockenen Luft einfach alles anders schmeckt als am Boden

Quiz
(0)

Erkennen Sie die Airline?

Wie viele von diesen 15 Airline-Logos können Sie richtig zuordnen?

 

Weitere Business Travel-Themen

 

Neue Flüge ab Winter 2014/15

03.12.2014 Dateigröße 4,64 MB Jetzt herunterladen

Überblick über alle geschäftsreiserelevanten Ziele, die frisch in den Flugplänen auftauchen.

 

Tagen am Airport

08.12.2014 Dateigröße 1,82 MB Jetzt herunterladen

Diese Tagungshotels lassen sich bequem zu Fuß vom Flughafen erreichen.

 
© 2018 FVW Medien GmbH, Alle Rechte vorbehalten
Impressum AGB Datenschutz Kontakt Media