Verspätungen und Ausfälle

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Am Himmel herrscht Chaos

Im Luftverkehr geht derzeit vieles schief. Leidtragende sind Geschäftsreisende, Travel Manager und Reisebüros. Wer hat Schuld? Und wann wird es wieder besser?

von Oliver Graue, 17.09.2018, 11:04 Uhr

Wolfgang Grupp, Chef des Textilriesen Trigema („Wir produzieren nur in Deutschland“) steigt in keinen Flieger der Lufthansa-Gruppe mehr. Grund: Verspätungen und Streichungen von Eurowings-Flügen ließen ihn Termine verpassen. „Vor 30 Jahren war die Lufthansa ein Vorzeigeunternehmen“, schrieb Grupp in einem Brief an den LH-Aufsichtsrat. Er mutmaßt, der Konzern lasse schlecht gebuchte Flüge ausfallen und buche die Passagiere auf andere Maschinen um, um diese besser auszulasten. Grupp will seinen Firmenhubschrauber nutzen.

Der Verdacht, dass Airlines ungewöhnlich schlecht gebuchte Flüge streichen, ist alt. Doch immerhin werden die Passagiere auf einen anderen Flieger umgebucht, der ein oder zwei Stunden später startet. Derart unpünktlich sind oft auch andere Verkehrsmittel wie Bahn oder Pkw. Alleiniger Grund für das seit Monaten anhaltende Chaos am Himmel dürfte ein solches Handeln jedenfalls nicht sein.

Kurzfristige Streckenstreichung

Denn fest steht, dass über den Wolken im Moment sehr viel schiefgeht. Lufthansa, Eurowings, aber auch andere Airlines verärgern mit massiven Verspätungen und vielen Ausfällen Geschäftsreisende, Travel Manager und Reisebüros. Immer wieder werden Verbindungen kurzfristig ganz aus dem Programm genommen, und wer diese gebucht hat, muss auf umständliche Umsteigestrecken ausweichen – manchmal an anderen Tagen fliegen.

Das Eurowings-Management hat längst zugegeben, dass es mit den vielen Problemen in den vergangenen Monaten überfordert war. Vor allem die Übernahme der Air Berlin ist nach Worten von Airline-Boss Dirks „ein enormer Kraftakt, für den es keine Blaupause gibt“. Schuld für das Chaos gibt die Lufthansa zudem den vielen Gewittern in diesem Jahr, den Fluglotsenstreiks in Frankreich sowie personellen Engpässen bei Flughäfen und Flugsicherungen. Die ganze Branche bangt um ihren Ruf: Der Bundesverband der Luftverkehrswirtschaft verkündete kürzlich: „Auch der Himmel stößt mal an seine Grenzen.“

Lotsenmangel noch über viele Jahre

Derzeit summiert sich Vieles. Denn sowohl Schlechtwetter als auch Streiks gab es immer schon – ohne derart gravierende Dauerfolgen. Personelle Engpässe an manchen Flughäfen wiederum dürften eine Folge schlechter Bezahlung sein. Und was die mangelnde Zahl an Fluglotsen angeht, haben manche Airports geschlafen. Laut EU gehen auf diesen Umstand sogar bis zu 60% aller Verspätungen zurück.

Zu denen, die in Europa Verspätungen verursachen, gehören mehrere französische Kontrollzentren, an erster Stelle aber steht der Flughafen Karlsruhe. Weil er zu wenig Lotsen hat, ist der Flugraum im Südwesten immer wieder gesperrt. Und bis das Übel behoben ist, wird es Jahre dauern: Die Lotsenausbildung ist hart und langwierig.

Air-Berlin-Pleite wirkt nach

Zudem wirkt die Air-Berlin-Pleite nach. So hat Lufthansa fest mit den Niki-Fliegern geplant, die nach einer merkwürdigen EU-Entscheidung an Niki Lauda („Laudamotion“) gingen – und damit an Billigflieger Ryanair. Mit diesem wiederum wollen viele Ferien-Airlines nicht zusammenarbeiten und fliegen nun selbst häufiger. Folge: Die eh schon zu wenigen Maschinen wurden diesen Sommer bevorzugt im Ferienverkehr eingesetzt. Im Linienflug fehlten sie. Und schließlich ließen sich die Behörden mit der Zertifizierung von 77 Ex- Air-Berlin-Maschinen sehr viel Zeit. Erst vor wenigen Tagen meldete Eurowings die komplette Integration dieser Flugzeuge.

Viele Probleme, hohe Ansprüche

All dies führte dazu, dass Abflugzeiten bis zu zehn Mal vor- und zurückgeschoben wurden. „Da sind wir komplett aus der Kurve geflogen“, sagt Eurowings-Manager Knitter. Nicht zuletzt setzt LH-Chef Spohr seine Billigtochter extrem unter Druck: Sie soll schnell wachsen und hohe Gewinne einfliegen.

Eine andere Ursache für die Probleme ist der „Stau am Himmel“. Weil immer mehr Menschen fliegen, wächst der weltweite Luftverkehr deutlich. Mehr als 4 Mrd. Passagiere hat der Luftfahrtverband IATA im vergangenen Jahr gezählt – Rekord! Und 2036 sollen es doppelt so viele sein. Zugleich stehen derzeit 14.000 Flugzeuge in den Auftragsbüchern der Hersteller. Heute sind 23.000 in der Luft.

Mehr Passagiere trotz Pleite

Die Expansion beschränkt sich keineswegs auf klassische Wachstumsmärkte wie China. Auch für Deutschland verzeichnet der Flughafenverband ADV eine Zunahme. So stiegen trotz der Air-Berlin-Pleite im vorigen Jahr gut 235 Mio. Passagiere an deutschen Flughäfen ein oder um, 5% mehr als 2016. Und für 2018 wird ein Plus von 4,2% erwartet. Hierzulande ist das Wachstum jedoch vor allem auf eine bessere Auslastung der Flugzeuge zurückzuführen.

VDR-Analyse: Abwanderung zur Bahn

Was folgt daraus? Die Nachwehen der Air-Berlin-Pleite werden sich zwar abschwächen. Auf lange Sicht wird die Zahl der Verspätungen jedoch zunehmen. Wie Travel Manager darauf reagieren, hat der VDR in seiner Geschäftsreiseanalyse untersucht. Ergebnis: 80% aller befragten Firmen ändern an ihrer Strategie nichts – weil sie nicht wollen (42%) oder nicht können (38%). Von den verbleibenden 20% plant die große Mehrheit von 83% ein Umsteuern auf die Bahn. Was angesichts der immer volleren Züge nicht einfach sein dürfte. Wer aufs Auto setzt, muss Staus und Stress einkalkulieren. Bliebe – Online-Konferenzen ausgeklammert – der Firmenhubschrauber. Doch den hat längst nicht jeder.

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