Hotel der Zukunft

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Wie wir morgen schlafen werden

Die Branche erforscht, wie Geschäftsreisende künftig übernachten wollen. Pauschalurteile wie der Ruf nach der totalen Digitalisierung erweisen sich dabei als falsch.

von Michael Krane, 20.08.2018, 09:34 Uhr
Ein wenig wie Raumschiff Enterprise: So schlafen wir in der Zukunft.
Foto: Fraunhofer Institut/LAVA

Wann gibt es das geräuschlose Hotelzimmer? Der Hoteltechniker muss einen Moment stutzen. Dann räumt er ein, dass Ausstattung und Komfort üblicherweise mit einem Geräuschteppich verbunden sind, der sich leicht, aber vernehmbar von der Stille abhebt. So auch bei der Klimaanlage. Das Beispiel steht für den ewigen Konflikt, wenn ambitionierte Techniker auf schlichte Kundengemüter stoßen. Der Gast möchte eigentlich nur dunkle Stille, am liebsten per „Frankenstein-Schalter“, der alles ausstellt. Die Ingenieure aber wollen ihm einreden, genau damit könne er doch nicht zufrieden sein.

Wenn vom Hotel der Zukunft die Rede ist, fallen Schlagworte wie Komfort, Effizienz, Vereinfachung und Individualisierung. Kurz, es geht um eine bessere Welt. Manche Ketten arbeiten bereits am „neuen Schlafen“. Hilton etwa will in diesem Jahr seinen ersten „Connected Room“ eröffnen. Wer einmal dort übernachtet hat, kann seine Lieblingseinstellungen in anderen Hilton-Häusern übernehmen – von der Duftnote bis zum bevorzugten Wasserstrahldruck aus dem Duschkopf.

.Ist Technik wirklich alles?

In Budapest stellt das KVI Hotel die reale Verlängerung des Handys dar: Gäste können per App einchecken, das Zimmer wählen, die Tür öffnen, Raumtemperatur und Licht einstellen und bezahlen. Nur die Reinigung erfolgt noch von Hand.

Die gleiche Idee einer Multifunktions-App für den Hotelaufenthalt verfolgt Conichi: Per Lokalisierungssoftware werden die Kunden beim Betreten des Hotels erkannt. Das beschleunigt den Check-in, und dem Kunden können vor Ort personalisierte Angebote gemacht werden.

Sieht so die Zukunft aus? Und ist die Technik dabei der Dreh- und Angelpunkt? Das weiß niemand, hieß es noch vor wenigen Jahren. Heute sehen viele Experten klarer. Allen voran Vanessa Borkmann.

Die Ingenieurin vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) leitet seit 2008 das Projekt Future Hotel und identifiziert Themen, die für die Branche künftig von Bedeutung sein könnten. Die Projektteilnehmer testen die Ideen auf ihre Praxistauglichkeit. Das reicht von der Kontaktaufnahme durch den Kunden im Web bis zur Technikausstattung der Hotelzimmer und der Architektur des Gebäudes.

Beispiel Check-in: Oft heißt es, der Geschäftsreisende wolle online oder mobil einchecken. Die IAO sieht das nicht ganz so simpel. „Die Mehrheit möchte zwar schnell und unkompliziert einchecken“, sagt Vanessa Borkmann. „Trotzdem möchte der Gast freundlich empfangen werden.“

Der Faktor Mensch bleibt bedeutend. Zu diesem Resultat kommen auch die Betreiber des Hotels Schani in Wien, Vorzeigeobjekt des Projekts Future Hotel. Dort wurde ein digitaler Check-in eingeführt. Gäste können ihr Zimmer selbst auswählen. Die Technik kommt an, auch wenn die Kunden auf den persönlichen Kontakt zumindest als Option nicht verzichten möchten.

Beim Thema Zukunft geht es immer um die zwei großen Einflussfaktoren Mensch und Technik sowie ihre gegenseitige Beeinflussung. Technik schafft neue Bedürfnisse und kann bestehende besser befriedigen. „Reisende erwarten bei der Hotelausstattung eine Technik auf dem aktuellen Stand, weil sie diesen Komfort aus ihrer häuslichen Umgebung gewohnt sind“, sagt Expertin Borkmann.

Coworking statt Schreibtisch

Beispiel: Früher reichte es aus, dass die Arbeitsfläche im Hotelzimmer genügend Platz für Laptop und Unterlagen bot. Heute erwarten manch junge Geschäftsreisende Coworking-Zonen. Sie wollen mit anderen ins Gespräch kommen und sich inspirieren lassen. Und für die Ausstattung gilt: Sie soll in einem lifestylartigen Design gehalten sein.

Im Projekt Future Hotel entstanden so Konzepte für Hotels von morgen. Die Projektgruppe verständigte sich auf drei Varianten:

1. Das Hightech-Hotel bietet erhöhten Komfort durch digitalisierte und personalisierte Services in Echtzeit. Zudem gibt es Elektroautos und 3D-Drucker.

2. Das generationenübergreifende Hotel zielt auf Gäste, die im Familienverbund reisen, in Freundeskreisen oder Interessengruppen. Patchwork-Familien oder Großfamilien etwa benötigen große verbundene statt klassischer Einzel- und Doppelzimmer.

3. Eine weitere Ausrichtung zielt auf Gruppen, die sozialen Austausch, Gespräche und gemeinsame Kulturerlebnisse suchen. Beispiel: Ein Hotel fokussiert sich auf Reisende aus der Start-up-Szene und bietet Fachvorträge und Expertengespräche an. Konkret offeriert das Schani einen (realen) Stammtisch zu Bitcoins.

Ob es dazu kommt und ob die Vorschläge greifen? Das Urteil über den Segen der Technik ist nicht von Dauer. Früher lautete beispielsweise die Frage: Will der Gast überhaupt einen kabellosen Internet-Zugang im Hotelzimmer, oder sehnt er sich nach Ruhe? Heute bringt jeder Gast seine eigene mobile Technik mit, erwartet kostenfreies W-LAN und alle erforderlichen Schnittstellen.

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