Kochel am See

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Wie Bayerns Süden inspiriert

Abschalten und dabei auf gute Ideen kommen: In Kochel am See, Wiege der modernen Kunst, ist das kein Problem. Wo sich einst Expressionisten wie Franz Marc zu ihren weltbekannten Werken inspirieren ließen, lässt es sich heute ideal tagen.

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von Oliver Graue, 16.07.2018, 10:46 Uhr
Ruhig ruht der (Kochel-)See.
Foto: Thomas Kujat

Der Ausblick ist traumhaft. Auf der einen Seite das Voralpenland bis hinein nach München, auf der anderen die sich auftürmende Bergkette bis weit in die Tiroler Gletscherwelt: Der Aufstieg zum Gipfel des Herzogstands lohnt sich. Zumal nirgendwo sonst in Bayern den Wanderern gleich zwei Seen zu Füßen liegen – hier der Kochel-, dort der Walchensee. Mal schimmern sie grün und dann wieder tiefblau. Besonders malerisch ist es, wenn der morgendliche Nebel stückweise den Blick auf die Gewässer freigibt.

„Das geht mir nach wie vor unter die Haut“, sagt Jörg Findeisen, Betriebsleiter der Herzogstandbahn. Vor vielen Jahren zog es ihn aus dem münsterländischen Rheine ins bayerische Oberland. Bereut hat er das nie. Vor Zuhörern, denen Findeisen die Funktionsweise der Gondelbahn erklärt, zitiert er gern den einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber.

Der soll bei der Einweihung 1994 (damals noch als Innenminister) gesagt haben: „Mit diesem Berg übertrifft Bayern sich selbst.“ Die Bahn führt auf gut 1600 Meter. Von dort sind es bis zum Gipfel nochmals 45 Minuten zu Fuß über einen Serpentinenweg auf schließlich 1731 Meter Höhe.

Märchenkönig Ludwig II. liebte das Land

Wenn das kein echter Höhepunkt einer Tagung ist! Den Besuchern bietet sich jener Blick, von dem schon Bayerns Märchenkönig Ludwig II. so angetan war. Den Herzogstand erklärte der Neuschwanstein-Erbauer zu seinem Lieblingsgipfel. Auf dem Pferd gelangte er nach oben, um im damaligen Königshaus(heute Bergwacht) zu nächtigen und die Einsamkeit in unverfälschter Natur zu genießen. Heute bietet sich die Gemeinde Kochel, zu der beide Seen und der Herzogstand gehören, vor allem für kleinere Gruppen als ideale Tagungsdestination an.

Denn so klein der Ort im Tölzer Land mit seinen 4000 Einwohnern auch ist: Seinen Gästen bietet er Inspiration der unterschiedlichsten Art. Wer hier weilt, kommt auf andere Gedanken – auf gute Ideen. Quellen der Eingebung sind neben der Landschaft sowohl die Kunst als auch die Technik der Region.

So bietet Kochel mit seinem Wasserkraftwerk ein Meisterwerk deutscher Ingenieurkunst: Die imposante Anlage wurde 1924 errichtet, also lange bevor die Politik das Thema der alternativen Energien entdeckte.

Über sechs jeweils 400 Meter lange Röhren stürzt das Wasser vom Walchensee zum Maschinenhaus am Kochelsee. Dieses liegt 200 Meter tiefer und lässt das Nass – nachdem es über Turbinen sogenannte Drehenergie erzeugt hat – in den Kochelsee ablaufen. Obwohl diese Kathedrale der Technik unter Denkmalschutz steht, produziert sie nach wie vor Strom. Turbinen und Generatoren lassen sich täglich besichtigen, und Gruppenführungen durch die Anlage können vereinbart werden.

Wiege des Expressionismus

Cathrin Klingsöhr-Leroy leitet das Franz-Marc-Museum in Kochel.
Foto: Oliver Graue

Eine noch weitaus größere Popularität verdankt Kochel seinem bekanntesten Sohn: dem Expressionisten Franz Marc. Das „Blaue Land“, wie der Künstler die idyllische Natur mit ihren Seen, Mooren, Hügeln und Berghängen nannte, war sein Paradies. Von ihm ließ er sich inspirieren für seine heute weltweit bekannten Werke, die zumeist Tiere oder Tiergruppen zeigen. Ausgerechnet der kleine Ort im tiefsten Oberbayern wurde damit zur Geburtsstätte der künstlerischen Moderne – neben Paris, Moskau und New York.

„In Kochel haben sich Franz Marc und Wassily Kandinsky auch den Namen „Blauer Reiter“ für ihren Almanach ausgedacht“, sagt Cathrin Klingsöhr-Leroy, die das Franz-Marc-Museum auf einer Anhöhe über dem Ort leitet: „Und zwar 1912 am Kaffeetisch von Maria Marc.“ Neben Marc und Kandinsky, der in Kochel malerisch noch aktiver war als sein Freund, gehörten der Künstlerbewegung Prominente an wie August Macke, Paul Klee, Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky.

Das Museum, das vor zehn Jahren aus einer kleineren Ausstellung entstand, zeigt heute nicht nur die wichtigsten Werke des deutschen Expressionismus, sondern bietet immer wieder international anerkannte Sonderausstellungen zur Kunst des 20. Jahrhunderts.

„Der besondere Reiz besteht darin, „dass wir die Werke in der Umgebung zeigen, in der die Künstler tatsächlich gelebt und gewirkt haben“, sagt Cathrin Klingsöhr-Leroy. Wobei sich die Besucher von der Idylle gleich selbst überzeugen können: Durch ein riesiges Fenster, vor das Stühle platziert sind, blicken sie auf die Natur – eine grandiose Seen-, Wald- und Alpenlandschaft.

„Jeden Tag ergibt sich ein anderes Gemälde“, sagt die Museumschefin. Freitags und samstags geben sich Paare hier das Ja-Wort. Und Firmen können für ihre Tagungen oder Empfänge den größten Ausstellungsraum nutzen, das 100 Quadratmeter große Herz des Museums.

Therme direkt am See

Wer will, wandelt unmittelbar auf den Spuren des „Blauen Reiters“ und besucht jene Orte in Kochel, die Marc, Kandinsky und ihre Künstlerfreunde zu ihren Werken inspiriert haben. Sie tragen Titel wie „Pferdeskizze II“, „Flatternde Wäsche im Wind“ oder „Zwei Frauen im Schnee“. Geprägt sind alle Gemälde von den intensiven Farben, die Marc bevorzugte und die er von den eigentlichen Gegenständen löste – bis hin zum gelb-roten Pferd.

Erproben kann man bei dieser Gelegenheit, ob man selbst das Zeug zum Expressionismus gehabt hätte: mit einem „kreativen Selbsttest“. Auf den Rundweg kann man sich allein und mit Audio Guide begeben, oder man lässt sich von einem Künstler führen.

Wer es ruhiger angehen möchte, geht ins „Kristall Trimini“. Die erst vor einem Jahr neu eröffnete Therme gehört zu den größten und modernstem in Bayern: Viele Saunen, Dampfbäder, Tauch- und Solebecken über drei Etagen lassen einen gründlich entspannen. Im Trimini haben übrigens schon zweimal die Meisterschaften im Sauna-Aufguss stattgefunden – mit Teilnehmern aus ganz Europa. Darüber hinaus beherbergt es die weltweit größte Sauna: Fast 300 Besucher finden in ihr Platz.

Per Aufzug geht es aus dem Wellness-Paradies direkt an den See zum Abkühlen. Und in kulinarischer Hinsicht hat sich das integrierte Restaurant „Zum Franz“ einen guten Ruf in Kochel erkämpft – neben den ebenfalls empfehlenswerten Häusern „Seehotel Grauer Bär“ und dem Berggasthof am Herzogstand mit seinen riesigen Portionen. Probieren sollte man, was der See selbst hergibt, von der Renke über Zander und Saibling bis zum Hecht.

Dorf mit Identität

Hier war schon der Märchenkönig gern: Gipfel des Herzogstands.
Foto: FVA Kochel am See

Tausende Münchner zieht es inzwischen nach Kochel, das von der Landeshauptstadt gut eine Stunde entfernt ist. Trotz dieses Ansturms an Tagestouristen und potenziellen Neubürgern legt Kochels Bürgermeister Thomas Holz großen Wert darauf, die Identität seiner Gemeinde zu bewahren. Etwa 65.000 Besucher zählt der Ort jedes Jahr, und ein weiteres Hotel würde Holz sich durchaus wünschen.

Dennoch ist Kochel weit entfernt von einer Luxus- oder Schickimicki-Destination. „Wir haben eine funktionierende Gemeinschaft“, sagt der CSU-Politiker: „Es gibt keine Familie, in der sich nicht mindestens einer ehrenamtlich engagiert in Schützenverein, Trachtenkapelle oder bei der Feuerwehr. Das wollen wir uns unbedingt bewahren.“

Das ist der Ort im Übrigen schon seinem wichtigsten Sohn schuldig: Als Soldat gegen die Türkenbelagerung im 17. Jahrhundert soll der Schmied von Kochel das Stadttor von Belgrad eingerammt haben – nur mit einer Stange bewaffnet. Und wenige Jahre später war er, der Sage nach, einer der Anführer des Bauernaufstandes gegen die österreichischen Besatzer Bayerns. In der Sendlinger Mordweihnacht (1705) soll er heroisch als letzter Mann der Aufständischen gefallen sein. Das Schmied-von-Kochel-Denkmal nahe dem Bahnhof erinnert an ihn.

Wirtschaftlich erfolgreich

Heute ist Kochel auch wirtschaftlich äußerst erfolgreich. Vor allem mittelständische Handwerksbetriebe sorgen dafür, dass die Arbeitslosigkeit derzeit bei gerade mal 1,6% liegt. Hinzu kommen der Maschinenbauer Dorst und der Pharmariese Roche mit mehr als 5800 Beschäftigten im benachbarten Penzberg. Beide Unternehmen sorgen für einen regen Geschäftsreiseverkehr.

Den perfekten Ausklang eines Kochel-Trips – wahlweise auch den Einklang – bietet eine Rundfahrt mit dem Motorschiff über den Kochelsee. Knapp 1,5 Stunden lang eröffnen sich die unterschiedlichsten Perspektiven auf den See und die Natur, die ihn umgibt. Da die Landschaft fast vollständig unter Schutz steht, taucht nur selten mal ein Gebäude in Sichtnähe auf. Das Wasserkraftwerk gehört zu den wenigen Ausnahmen.

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