Reisezeit ist Arbeitszeit

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Enorme Folgen für die Flugbranche

Reisezeit ist Arbeitszeit – das entschied jetzt das Bundesarbeitsgericht. Großer Gewinner dürften Airlines sein, die Nonstop-Dienste anbieten. Aber auch das Travel Management muss umdenken. Wie drastisch die Konsequenzen sind, hängt von bestehenden Vereinbarungen und Richtlinien ab.

von Oliver Graue, 18.10.2018, 13:44 Uhr
Welchen Flieger buchen wir? In die Reisekostenberechnung fließen neben den Ticket- in Zukunft auch die Lohnkosten ein.
Foto: Thinkstock

„Das Urteil bedeutet für den Travel-Einkauf ein Umdenken“, sagt Jörg Martin, Inhaber der Beratung CTC Corporate Travel Consulting. „Viele Unternehmen müssen ihre Kosten nun neu berechnen und mit ihren Flugpartnern entsprechend neu verhandeln.“

Komplette Reisezeit ist Arbeitszeit

Grund: Der Bundesgerichtshof hat wie berichtet entschieden, dass die komplette Reisezeit als Arbeitszeit anzurechnen und zu vergüten ist. Das hat Auswirkungen vor allem auf Beschäftigte, die zum Beispiel bereits sonntags eine Dienstreise antreten oder auf Fernreisen unterwegs sind, die länger als acht Stunden dauern. Denn fanden Reisen außerhalb des klassischen Acht-Stunden-Tags statt – zum Beispiel ein 14-Stunden-Flug nach China –, bekamen Arbeitnehmer diese Zeit bislang nicht angerechnet und bezahlt. Sie ging sozusagen von ihrer privaten Lebenszeit ab.

„Grundsätzlich müssen Arbeitgeber die für Geschäftsreisen ins Ausland anfallenden Reisezeiten als Arbeitszeit zu vergüten, soweit sie erforderlich sind“, erklärt der Arbeistrechtler Thomas Lambrich von der Rechtsanwaltskanzlei Beiten Burkhard. „Erforderlich ist bei Flugreisen die Flugzeit auf der schnellsten Route in der Economy Class. Reisezeiten, die nicht erforderlich sind, sondern entstehen, weil der Mitarbeiter eine bestimmte Reiseroute oder einen Zwischenstop wünscht, müssen hingegen nicht vergütet werden.“

Werden diese Grundsätze beachtet, dann gilt: Jede Stunde, die ein Beschäftigter mit Unterwegssein verbringt, ist Arbeitszeit und muss daher bezahlt werden. „Das setzt vor allem jene Fluggesellschaften unter Druck, die Umsteigeverbindungen ab Deutschland anbieten“, sagt Jörg Martin.

Umsteigeflüge könnten künftig teurer sein

Da diese oft mehrere Stunden länger dauern als Direktflüge, verliere das Preis-Argument an Bedeutung, so der Berater. Denn selbst wenn die reinen Ticketpreise unter jenen der Nonstop-Anbieter lägen, könnten sie für den Firmenkunden am Ende trotzdem teurer sein, da die Firma ihren Mitarbeitern für die gesamte Reisezeit Lohn zahlen müsse.

„Generell ist bei der Reiseplanung abzuwägen, ob sich ein höherer Preis für eine schnellere Direktverbindung anstelle einer kostengünstigeren, aber zeitintensiveren Umsteigeverbindung letztlich nicht doch rentiert“, stimmt Lambrich zu. „Insbesondere müssen Arbeitgeber beachten, dass Reisezeiten, welche die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit übersteigen, wie Überstunden zu vergüten sind. Um zusätzliche Kosten hierdurch zu vermeiden, sollten die erforderlichen Reisezeiten möglichst innerhalb der regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit des Mitarbeiters liegen.“

Mit anderen Worten: Die Lohnkosten werden in Zukunft bei Dienstreisen mit berechnet werden. Martin: „Das bedeutet auch für die Mittler, die Zeitdauer etwa von Flügen bei der Reisekostenberechnung deutlich stärker zu betrachten als bislang.“

Travel Manager und Reisebüros ändern Strategie

Und Travel Manager könnten ihre Strategie, Flugdienstleistungen einzukaufen, entsprechend anpassen. Entscheidend sei künftig, das finanzielle Delta zwischen dem günstigsten Flug – meist einer Umsteigeverbindung – und dem kürzesten Flug – meist eine Direktroute – zu errechnen.

Da weder Travel Manager noch Reisebüros die Gehälter der reisenden Mitarbeiter kennen, könnte hier jedoch mit Durchschnittslöhnen gerechnet werden, so Martin.

Tarifverträge regeln Reisezeit schon heute

Ob das Urteil wirklich einen radikalen Einschnitt bedeutet, bezweifeln jedoch manche Travel Manager: Bereits heute würden in vielen Branchen Tarifverträge regeln, wie Anreisen etwa am Wochenende vom Arbeitgeber zu vergüten seien. „Und bei leitenden Angestellten greift die Entscheidung sowieso nicht, da die Vergütung in die Vertrauensarbeitszeit eingerechnet ist“, sagt die Chefassistentin eines Autozulieferers. Das allerdings bezweifelt der Arbeitsrechtler. „Das Urteil des BAG ist auf alle Arbeitnehmer in Deutschland anwendbar“, sagt Lambrich. „Während das deutsche Arbeitszeitgesetz eine Ausnahme für leitende Angestellte macht, dürften die Grundsätze der BAG-Entscheidung auch für diese gelten, da sie die vergütungsrechtliche Seite der Arbeitszeit betrifft.“

Das Urteil gilt lediglich nicht für freie Mitarbeiter. „Bei einem GmbH-Geschäftsführer kommt es im Wege einer Einzelfallbetrachtung darauf an, ob dieser hinsichtlich seiner Stellung im Unternehmen einem Arbeitnehmer vergleichbar ist“, erklärt Lambrich.

Umsteigeverbindungen in den Reiserichtlinien regeln

Und Travel-Management-Beraterin Andrea Zimmermann (btm4u) rät, für Umsteigeverbindungen die erforderlichen Mindestersparnisse in jedem Fall in die Reiserichtlinien aufzunehmen. In diesen Beträgen, ab denen sich solche Verbindungen lohnen, sind dann bereits die durchschnittlichen Lohnkosten des Unternehmens einberechnet.

Sozialversicherungen könnten Geld einklagen

Wer das neue Urteil nicht umsetzt, der geht ein hohes Risiko ein. „Arbeitgeber, die ausschließlich im Interesse des Unternehmens anfallende Reisezeiten nicht vergüten, verletzen ihre Hauptleistungspflicht aus dem Arbeitsvertrag. Sie müssen mit Klagen ihrer Mitarbeiter auf Zahlung der entsprechenden Vergütung rechnen“, warnt Lambrich. „Hinzu kommt, dass mit der Nichtzahlung der Vergütung einhergeht, dass die entsprechenden Sozialversicherungsbeiträge nicht ordnungsgemäß abgeführt werden. Es drohen also auch Nachforderungen der Sozialversicherungsträger, selbst wenn der Mitarbeiter nicht auf Vergütung klagt.“

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